Wo der Ortsadel seine letzte Ruhe fand

Die evangelische Kilianskirche war sechs Jahrhunderte auch Grabstätte für die Herrscherfamilien

Von Barbara Barth

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Ob Christoph und Barbara von Talheim wirklich hier begraben wurden, konnte Dietrich Gaa (rechts) noch nicht nachweisen.Foto: Barbara Barth

Talheim - Als „Bilderkirche“ ist sie bekannt. Die romanischen, früh- und spätgotischen Wandfresken haben die evangelische Kilianskirche berühmt gemacht. Sie ist aber auch als Grablege für den Ortsadel von Bedeutung - darauf hat Ortshistoriker Dietrich Gaa am Tag des offenen Denkmals sein Augenmerk gelegt.

Hoffnung Neben der Staatsdomäne Hohrainhof in Talheim und der evangelischen Johanneskirche in Untergruppenbach war die Kilianskirche am Sonntag ein gut besuchter Ort. Fasziniert verfolgten die Besucher Gaas Ausführungen. 14 Grabplatten, so genannte Epitaphe der Herren von Talheim, von Frauenberg, von Sperberseck und von Leutrum-Erdingen aus der Zeit von 1300 bis 1765 fallen auf. Gaa hat herausgefunden, dass mindestens fünf der adeligen Verstorbenen auch in der Kirche begraben sind. „Von den anderen vermuten wir es“, so Gaa.

Der Adel von Talheim nahm sich an Kaiser, Königen und Päpsten ein Beispiel und ließ sich in der von ihm errichteten Kirche begraben. Er unterstrich damit Status und Frömmigkeit. Zudem glaubte man, ein Grab in der Kirche sei ein Ort der Auferstehung. Jesus werde, so die Hoffnung, am Tag des Weltuntergangs zuerst in den Kirchen erscheinen. Bestattungsorte waren der Chor, der Platz unter oder neben dem Altar, für Protestanten auch der Platz unter der Kanzel.

Blütezeit Die ältesten Grabplatten der Talheimer Kilianskirche liegen im Chor. Rugerus von Talheim und Bernhold von Talheim sind hier im 14. Jahrhundert begraben worden, eine offenbar wirtschaftlich blühende Zeit. Zwei heute noch erhaltene Glocken wurden angeschafft und die frühgotischen Fresken in Auftrag gegeben. Besonders auffallend ist neben der Kanzel das Renaissance-Epitaph des Christoph von Talheim und seiner Frau Barbara. Die aufwendige Gedenkstätte wird dem Schwäbisch Haller Bildhauer Simon Schlör zugeschrieben, der auch für die württembergischen Herzöge gearbeitet hat. 1605 starben die Herren von Talheim aus.

Der Letzte seines Geschlechts war Hans-Ulrich. Sein Epitaph, eine reich verzierte Holztafel, ist eins der wertvollsten Stücke in der Kilianskirche. Nach den Talheims residierten unter anderen die Herren von Frauenberg und von Sperberseck auf dem Neuen Schloss. Dass Epitaphe nicht immer gleichbedeutend mit einem Grab sind, erklärt Dietrich Gaa am Beispiel des Ludwig von Frauenberg. Er starb 1557 in Compiègne und ist auch dort begraben. Sein lebensgroßes Standbild ist ein reines Erinnerungsmal.

Spurensuche Tragödien im Hause Frauenberg dokumentieren zwei Kindergräber: Erst starb der einzig männliche Erbe des Hans Ludwig mit drei Jahren, später die Frau. Als er ein zweites Mal heiratete, wurde der Sohn dieser Ehe nur drei Wochen alt. Die spannende Geschichte der Epitaphe setzt sich fort. Obwohl Beerdigungen in Kirchen nach 1700 nicht mehr vorkamen, wurde 1765 Ludwig Christoph von Leutrum-Erdingen „hinter dem Taufstein in einer verfertigten Gruft“ beigesetzt. Gaa vermutet, dass der Schmerz der Eltern, die den einzigen Sohn mit 30 Jahren überraschend verloren, Grund für das Barockdenkmal ist - das größte in der Kilianskirche.

Dietrich Gaa geht weiter auf Spurensuche. Im Oktober fliegt er in die USA, wo er die letzte lebende Talheimer Jüdin befragen will. Sie wanderte 19-jährig 1939 aus. Vor dem Krieg hatte die Talheimer Judengemeinde rund 90 Mitglieder. Gaa will mehr über sie erfahren.