Wanderbuch ist ins Taschentuch eingeschlagen

Geselle macht während seiner Walz für ein paar Wochen Station in der Schmiede in Maad

Von Wolfgang Seybold

Wanderbuch ist ins Taschentuch eingeschlagen
Hammer und Amboss: Grundlage der Schmiedearbeit.Foto: Creativ Collection

Beilstein - So lange er auf der Walz ist, gibt es für den Wandergesellen David keinen Nachnamen. Er hat für drei Jahre und einen Tag, das ist die Mindestdauer der Wanderschaft, sein bürgerliches Leben mit allen seinen Annehmlichkeit, wie Handy, Auto und Besitz, hinter sich gelassen. Nur sein Beruf Schmied und das Leben im „Schacht Axt und Kelle“, so nennt sich seine Gesellenvereinigung, hat für den 25-Jährigen größte Bedeutung.

„Ich möchte während meiner Wanderjahre das Handwerk, Land und Leute kennenlernen“, sagt David, der seit drei Wochen in der Schmiede von Martial Herbst in Beilstein-Maad dem Meister zur Hand geht. Bei der Gesellenlossprechung in der Göppinger Schmiede-Berufsschule habe ihn der Wandergeselle angesprochen und nach einer Arbeitsstelle gefragt.

Spornkluft In seiner dunkelblauen Ausgehkluft, der Spornkluft, und mit dem Stenz, so wird der Wanderstock genannt, sieht David wie ein Handwerker aus vergangener Zeit aus. Dabei ist das besondere Zeichen seines 35 Gesellen zählenden Schachtes, dass sein Kragen nach innen eingeschlagen und das Zunftzeichen auf dem Koppelschloss zu sehen ist. Seit gut einem dreiviertel Jahr befindet er sich auf der Walz, die er in seinem Heimatort nahe Lindau begonnen hat. Dort wurde er „fremdgesprochen“, das heißt, mit allem, was einen Wandergesellen auszeichnet, los geschickt. In seinem Wanderbuch, das fein säuberlich in einem weiß-rotgefleckten Taschentuch eingeschlagen ist, steht alles über seine Wanderungen. Der Gesellenbrief, die Karte mit der 50-Kilometer-Bannmeile um Lindau, die er während der Walz nicht betreten darf, und das in Schönschrift verfasste Gelöbnis, das er bei der Fremdschreibung geleistet hat, samt allen Stationen und Fotos von seinen Werkstücken stehen in dem unschätzbar wertvollen Dokument. Lachend meint der junge Schmied, dass nun seine Zeit bei Meister Herbst abgelaufen sei. Er habe einiges dazugelernt, aber eine neue Herausforderung lässt ihn bald in Richtung Brandenburg aufbrechen.

„Unser Schacht hat jedes Jahr eine Sommerbaustelle, zu der alle Mitglieder kommen müssen“, sagt David. Da packen dann die Wandergesellen mit an, um einer sozialen Einrichtung in ehrenamtlicher Arbeit ein neues Gebäude zu erstellen. Mit dem Stenz in der Hand, dem zerbeulten Filzhut auf dem Kopf und das „Charlottenburger“ genannte Bündel mit seinen Arbeitsklamotten, ein paar Habseligkeiten und dem Wanderbuch umgehängt, wird sich David an den Straßenrand stellen, um per Anhalter in das 700 Kilometer entfernte Templin zu reisen.