Schönheitschirurgie im Gotteshaus

Wände und Fresken in Kilianskirche sind gereinigt − Jetzt geht es ans Konservieren

Von Sabine Friedrich

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Ausgestattet mit Staubsauger und weichem Pinsel säubert Roderich Oechel die Grabplatten des einstigen Ortsadels von schwarzen Staubwolken.Fotos: Dittmar Dirks

Talheim - Das Kirchenschiff ist eingerüstet, auf der zweiten Etage steht Konstantin Gaus und klopft mit einem örthopädischen Reizhämmerchen die Wände ab. Als ob ein Specht unter der Kassettendecke heimisch geworden wäre. Die Orgel, in Plastik eingehüllt, ähnelt einem Christo-Kunstwerk. Im Chorraum hantiert Roderich Oechel mit Spritze und Schwamm. Die Schönheits-Operation in der Talheimer Kilianskirche ist in vollem Gang. Für Oechel passt die Wortwahl: "Früher hatten Restauratoren weiße Kittel an wie Ärzte." Die Reinigung ist abgeschlossen, jetzt geht das Restauratorenteam von Thomas Wieck aus Stuttgart an die Konservierung.

Unterhalb der Decke springt ein grau-braunes Rechteck hervor. Es zeigt den Verschmutzungsgrad, der sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hat. Als Muster hat Oechel diese Stelle belassen. "Das ist ziemlich kräftig", weist der 39-Jährige auf den Unterschied zu den fertig gereinigten, monochromen Wandteilen hin. Die Leimfarbe ist wieder weiß. Hier hat der Dresdner mit einer groben Bürste "schrubben" können. Im Gegensatz zu den Wandmalereien, wo feinste Pinsel aus Ziegen- oder Dachshaar garantieren, dass nur die schwarzen Staubflocken, nicht Farbe entfernt wird.

In der linken Hand hält Oechel das Staubsauger-Rohr, um den Schmutz, den er mit dem Pinsel von den Epitaphien aufwirbelt, aufzunehmen. "Damit keine Feinstaubpartikel in die Kirche kommen."

Farbe pudert Der Mann aus Sachsen weiß um die Bedeutung seiner Arbeitsstätte mit den wertvollen früh- und spätgotischen Fresken. Der Experte korrigiert sofort. "Das sind Wandmalereien. Fresken sind auf nassem Putz gemacht, hier sind die Farben auf trockenem Putz aufgetragen." Die rote Zeichnung, die so comic-haft wirke, sei noch original, zeigt Oechel auf die Bänder im Kirchenschiff, etwa die unterhalb der Darstellung der Hochzeit von Kana.

Hier und da gibt es puderige Partien, wo die Farbe am Finger hängen bleibt. Da ist eine Malschichtsicherung notwendig. Punkt- und Stichretouchen dort, wo es Lücken in der Ausmalung gibt.

Zwei, drei Wochen werden Wieck und Oechel erst mal mit der Putzsicherung beschäftigt sein. Auf dem Altar liegen Fotos der Malereien mit schraffierten Flächen. Rot sind gefährdete Hohlstellen, grün ungefährdete, blau steht für neue Schäden. Alles ist genau kartiert.

Aus den Kanistern mit Flüssigkeiten, Eimern und Dosen mit Pulver rührt der Dresdner das Material an. Er greift zum Pürierstab − neben medizinischen Instrumenten kommen Haushaltsgeräte zum Einsatz −, mixt stichfesten Kalkmörtel mit Marmormehl und Mikroglaskügelchen, die das Verfüllmaterial lockerer machen. Es sieht aus wie Joghurt.

Oechel klopft an der Nordwand im Chor. "Da ist der Punkt", hat er die "kranke" Stelle ausgemacht. Der Zahnhaken geht rein wie Butter. "Das ist eine starke Hohlstelle." Mit der dicken, 50-Milliliter-Spritze aus der Apotheke pumpt er Wasser ins Loch, das Staub ausspült. Dann folgt ein Kieselsäure-Gemisch, um den Putz zu festigen. Jetzt zieht Oechel den Kalkinjektionsmörtel auf. "Das geht natürlich rein wie nix", kommentiert der Restaurator und drückt zwei weitere "Infusionen" mit Füllmaterial nach. Noch ein Klopf-Test − passt. Dieser Hohlraum ist gefüllt.

Flügel klappert "Mit jedem Eingriff zerstöre ich natürlich Originalsubstanz", macht er deutlich. "Aber um Schlimmeres zu verhindern." Besonders der Engel unter den Symbolen der Evangelisten im Tonnengewölbe hat stark gelitten. "Im Flügel klappert es gewaltig, da ist ein richtiges Rissgeflecht", sagt der 39-Jährige, der gerne in altehrwürdigen Gemäuern arbeitet.

Und auskunftsfreudig ist. Tagtäglich kommen Talheimer vorbei, um zu sehen, was sich in der evangelischen Kirche tut. Dieses rege Interesse empfindet der Restaurator als ungewöhnlich.

Schönheitschirurgie im Gotteshaus
Malschichten, wie hier bei diesem Engel, beginnen sich abzulösen.
Schönheitschirurgie im Gotteshaus
Alle Schäden sind genau kartiert: rot steht für gefährdete Hohlstellen, grün für ungefährdete.
Schönheitschirurgie im Gotteshaus
Mit einer Spritze wird das Füllmaterial unter den Putz gepumpt.Foto: Friedrich
Schönheitschirurgie im Gotteshaus
Nicht nur der Zahnarzt benutzt einen Zahnhaken. Der Restaurator setzt damit die Injektionsstellen.