Schicksale der ermordeten Juden

Gedenktafeln und Ausstellung

Von Sabine Friedrich

Schicksale der ermordeten Juden
Heimatforscher Dietrich Gaa zeigt auf die Stelle in der nördlichen Burgmauer, wo die beiden Gedenktafel an die ermordeten Juden angebracht werden. Die Synagoge, die am 10. November 1938 zerstört wurde, stand an diesem Platz.

Fotos: Dittmar Dirks

Um die Gegenwart zu verstehen, muss man die Vergangenheit kennen. Um die Zukunft zu gestalten, muss man die Vergangenheit verstehen.“ Deshalb hält es der Talheimer Heimatforscher Dietrich Gaa für so wichtig, an die Geschichte der Juden in Talheim zu erinnern. Das tun die evangelische und katholische Kirchengemeinde. Sie enthüllen zwei Gedenktafeln, unter anderem mit den Namen der 35 Talheimer Juden, die im Dritten Reich nach Riga deportiert und ermordet worden waren.

Auf die einstige Synagoge weist bereits eine Tafel an der nördlichen Burgmauer hin. Sie wurde in der Ära von Alt-Bürgermeister Hans-Jörg Apprich angebracht. Davor steht ein Rosenstock der Sorte „Shalom“, den Ulrike Bonn einst gepflanzt hatte. Ihre Schwiegermutter, so erzählt Burg-Bewohnerin Claudia Bonn, stelle am Jahrestag der Reichspogromnacht immer Kerzen auf. Claudia Bonn hat ein zwiespältiges Gefühl: Es sei schon komisch, wenn plötzlich die Namen von Ermordeten angeschlagen seien. Auf der anderen Seite begrüßt sie es, dass dieses dunkle Kapitel des Nazi-Terrors nicht in Vergessenheit gerät.

Auch für Gaa sind die Tafeln, die sich mit einer der größten jüdischen Gemeinden im Altkreis Heilbronn befassen, Erinnerung und Mahnung zugleich, dass sich so etwas nie wiederholen dürfe. „Sie setzen ein Zeichen gegen den aufkommenden Rechtsradikalismus“, sagt der pensionierte Geschichtspädagoge.

Er schlug ein weiteres Kapitel in seiner Heimatforschung auf, als der gebürtige Talheimer Gebhard Wörner 2004 an die evangelische Kirchengemeinde herantrat: Es sei höchste Zeit, die Namen der ermordeten Juden aufzuführen. In einer ökumenischen Kirchengemeinderatssitzung im November 2005 teilten die Räte das Anliegen und beantragten bei der Gemeinde Gedenktafeln. Der kommunale Rat beriet nichtöffentlich, begrüßte die Initiative, die Kosten übernehmen jedoch die Kirchengemeinden.

Gaa stützte sich bei seinen Recherchen auf Unterlagen des einstigen evangelischen Pfarrers Ernst Mayer und auf die „Geschichte der jüdischen Gemeinde in Talheim“ von Theobald Nebel von 1962. Er sprach mit Zeitzeugen wie Alt-Bürgermeister Robert Ehrenfried, der in der Schule neben Benno Manasse saß. Dessen Familienname taucht wie Löwenthal, Hirschfeld und Levi mehrfach auf der Todes-Liste auf. Das jüdische Familienregister Talheims von 1876, das Staatsarchiv oder Handakten des jüdischen Landgerichtsrates Alfred Marx aus Cannstatt waren weitere Quellen. Dort entdeckte Gaa Passbilder von sechs Juden - davon vier ermordete. Die sind in der Ausstellung zu sehen mit Wohnhäusern und Lebensläufen. „Die können nie komplett sein“, weiß Gaa. Manche Spuren sind unwiederbringlich verloren. Von einem Juden ist nur eine Lebensmittelkarte übrig.

Ein unerträglicher Gedanke, weshalb Gaa von der „emotionalen Betroffenheit“ spricht, die die Forschung auf diesem Gebiet begleite. „Es bedrückt“, gibt er zu. Es sei verheerend, die Schicksale aufzuarbeiten. „Man stellt sich vor, wenn das der eigenen Familie passiert wäre.“

Die Lebensläufe erzählen von dem Verlust der Arbeit, des Hab und Guts, von Diskriminierung. Die Juden seien sich über die Gefahr der Deportation bewusst gewesen, hat Gaa von Lotte Blum, geborene Levi, erfahren. Die heute 85-Jährige wanderte 1939 mit 17 Jahren in die USA aus, ihre Eltern blieben zurück. Dieser Briefwechsel bis zur Deportation 1941 interessiert Gaa sehr, weshalb er Blum in New York besuchen möchte. Auch zu weiteren US-Bürgern, Nachfahren von Talheimer Juden, hat er Kontakt.

Schicksale der ermordeten Juden
Seit vielen Jahren weist eine Gedenktafel im Burghof auf die Synagoge hin.