Ortshistoriker Gaa gerät ins Schwärmen

Sammlung von Wolfgang Domesle auch eine Fundgrube für Schozachtalgemeinde

Überbreite hat diese Lithografie von der Ortsmitte um 1940: Da stand das Gefallenen-Denkmal von 1925 noch im Mittelpunkt, die Bottwartalbahn durchquerte die Gemeinde.Fotos: Sammlung Wolfgang Domesle

Talheim - „Das ist ein Juwel. Ich weiß nicht, ob das ein Talheimer je gesehen hat“, greift sich Gaa das älteste Exemplar heraus. Der Stempel auf der württembergischen Marke ist auf 18. April 1901 datiert. Der Ankunftsstempel ist einen Tag später aufgedrückt worden. „Das war vor über 100 Jahren!“, ist der frühere Heilbronner Unternehmer erstaunt.

Talheim, von Westen aus gesehen, ist abgebildet. „Das ist gezeichnet oder gestochen“, meint Gaa zu dem Motiv eines Theo Schlayer aus Lauffen. Bahnhof, Burg und eine „Restauration von Julius Braun“ sind klein zu erkennen. Wo diese Gaststätte war? Da muss Gaa ausnahmsweise einmal passen. Julius Braun müsse das Druckwerk wohl mitfinanziert haben, weil sein Lokal darauf verewigt sei. Allein 14 Schankwirtschaften habe es einst gegeben, weiß der Heimatforscher.

Dem ist auch der Adressat einer Ansichtskarte, am 26. September 1911 geschrieben, sofort ein Begriff. Pfarrer Otto Reinwald, von 1906 bis 1922 evangelischer Seelsorger an der Schozach. Domesle liefert die Vorlagen, Gaa die Deutung, die geschichtliche Einordnung. „Das ist klar“, erkennt er sofort das Gebäudetrio in der Sonnenstraße mit dem Gasthaus zum Engel – heute Bäckerei Mitterer. Bevor hier die Vorfahren einkehrten, lebten darin von 1600 bis 1800 Generationen von Pfarrern. Zwei Häuser weiter weist der Schriftzug an der Fassade auf die „Conditorei Spezereihandlung von Christian Manz“ hin. Im Hintergrund überragen evangelische Kirche und Schulhaus den Straßenzug.

Natürlich sind die Burg, das Wahrzeichen Talheims, die katholische und evangelische Kirche und das neue Schloss – für Gaa das unbekannte Juwel – die Ansichten schlechthin für die Grußbotschaften in Schwarz-Weiß oder Farbe. Darüberhinaus habe es wohl wenig attraktive Motive gegeben, vermutet der pensionierte Geschichtslehrer. „Es gab keinen, der kontinuierlich fotografiert hat“, was mit der Armut im Ort früher zu tun gehabt habe.

Ein Zeitdokument par excellence findet sich in Domesles Geschichtsschatz: eine Panoramakarte von doppelter Breite. Den Ortskern prägte das 1925 errichtete Gefallenen-Denkmal. Laut Gaa ging es auf die Initiative des Denkmalvereins zurück, der etwa vier Jahre lang existiert habe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Mahnmal vergrößert, im Zuge der Ortskernsanierung und des Rathaus-Neubaus an den Friedhofs-Eingang versetzt. Wo heute Autos auf der Bahnhofstraße fahren, dampfe die Lok auf der Bottwartalstrecke, die 1969 ihren Betrieb einstellte.

An vergangene Zeiten erinnert auch eine Ansichtskarte vom Rauhen Stich, entstanden wohl nach dem Ersten Weltkrieg. Das macht Domesle an den Autos fest, die im Hof der gleichnamigen Gaststätte parken. Als der Transport noch mit Pferdefuhrwerken abgewickelt wurde, war die Raststätte willkommene Einkehrmöglichkeit zwischen Heilbronn und Lauffen. Dass die Gartenwirtschaft auf dem Haigern Tradition hat, kann Gaa mit einer Postkarte dokumentieren aus der Zeit des Besitzers Karl Eisenlohr von 1917 bis 1922. Dann kann er doch einen Trumpf aus dem Ärmel schütteln. „Die hat Herr Domesle noch nicht“, scherzt der Talheimer und präsentiert eine Luftaufnahme aus der Zeit vor 1958.

Am 26. November 1911 wurde diese colorierte Karte an Pfarrer Otto Reinwald verschickt. Sie zeigt den Anfang der Sonnenstraße mit evangelischer Kirche und evangelischem Schulhaus.
Gaststätten waren früher beliebte Motive: Am Rauhen Stich war bis 1978 die gleichnamige Speisewirtschaft in Betrieb, zu Zeiten der Pferdefuhrwerke eine willkommene Raststätte.
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