Neues Gesicht für einen Kultort

Talheim - Wild sieht es rund um die evangelische Kirche in Talheim aus. Die Erdbewegungen sind gewaltig. An der Südseite des Gotteshauses hat Capo Markus Zipperle von der Baufirma Osmanaj einen halben Meter Boden abgetragen.

Von Sabine Friedrich

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Talheim - Wild sieht es rund um die evangelische Kirche in Talheim aus. Die Erdbewegungen sind gewaltig. An der Südseite des Gotteshauses hat Capo Markus Zipperle von der Baufirma Osmanaj einen halben Meter Boden abgetragen. Nur noch die Mauer steht. Aber auch sie muss weichen. Talwärts, an der Nordseite, wird das abschüssige, unebene Gelände aufgefüllt. Auch dort sind seit Ende Juni der Asphalt der Wege und die Steinplatten entfernt worden. Die Kanalisation ist erneuert. "Das ist ein Jahrhundertwerk", kommentiert Ortshistoriker Dietrich Gaa die Neugestaltung der Außenanlangen der Kilianskirche. Der Gottesacker wird in einen Friedhofspark umgewandelt mit Freiflächen vor den Eingängen zur Kommunikation, mit Sitzmäuerchen und mit rollstuhlgerechten Wegen. "Es geht sehr gut voran", ist Pfarrer Johannes Adolph überzeugt, dass Ende August alles fertig ist.

Vorsichtig

Die Bagger gehen vorsichtig zu Werk. "Immer schön langsam graben", lautet die Devise für die Bauarbeiter. Denn es handelt sich hier um ein Areal, auf dem 30 Generationen von Talheimern beerdigt worden sind. Adolph hebt hervor, "wie ehrfurchtsvoll, mit welchem Respekt" die Mitarbeiter mit den Gebeinen, die sie in der Erde finden − unter Wegen, Bäumen, Mauern und Treppen − umgehen. Die Beinkiste reicht längst nicht aus. Inzwischen sind schon zwei Särge gefüllt. Die sterblichen Überreste werden später in einer Zeremonie wieder bestattet und mit einer Gedenktafel versehen.

Auch die Grabsteine der neun Ruhestätten, die für die Neugestaltung abgeräumt worden und jetzt verstreut abgelegt sind, werden wieder aufgestellt. "Das ist einstimmige Beschlusslage des Kirchengemeinderats", betont Adolph.

Er beschreibt die Bedeutung der Stätte. "Das ist seit fast 1000 Jahren ein Kultort." Plagt ihn nicht das Gewissen, angesichts einer solch tiefgreifenden Umgestaltung, die rund 230 000 Euro kostet? "Im Gegenteil. Das Gelände wird gewürdigt. Es wird viel mehr genutzt als Versammlungs- und Begegnungsort", antwortet der evangelische Seelsorger.

Dietrich Gaa ist es wie vielen anderen Protestanten wichtig, dass der Friedhofscharakter erhalten bleibt. "Wie alle Friedhöfe ist dieser ein Geschichtsbuch", sagt der Ortshistoriker, der zu fast jedem der rund 40 Grabsteine etwas erzählen kann. Friedrich Speck, 1969 beerdigt, ist 30 Jahre lang Lehrer gewesen, hat im Schulhaus in Blickweite seines Grabs, gewohnt. August Jeuther hat im April 1945 die weiße Fahne an seinem Haus gehisst, sollte deshalb erschossen werden. Was der Fleiner Pfarrer hat verhindern können, weiß Gaa.

Bis 1672 lassen sich die Gräberlisten zurückverfolgen. Von 1800 bis 1810 sei der Friedhof am dichtesten belegt gewesen, erzählt Gaa. Deshalb habe die Liegezeit nur neun Jahre betragen. "Da war der Druck so groß, dass die Katholiken 1809 einen eigenen Friedhof an der Kirche erhielten."

Malifikanten-Ecke Gaa weist talwärts auf eine etwas tiefer gelegene Fläche hin. Das müsse die "Malifikanten-Ecke" sein, vermutet er. Eine solche habe es früher außerhalb der Friedhöfe gegeben. "Dort hat man Selbstmörder, Mörder und andere Straffällige beerdigt", berichtet Gaa. Der letzte, 1728 hingerichtete Talheimer hat hier allerdings keine Ruhestätte gefunden. Pfarrer und Schultes haben dies abgelehnt, haben die Recherchen ergeben. Nach zwei Jahren, festgebunden auf dem Rad unterhalb des Haigern, hat der Heilbronner Scharfrichter den Körper auf dem Hochgericht vergraben.

An der Südseite wird bei der Neugestaltung des evangelischen Friedhofs Boden abgetragen.Fotos: Dennis Mugler
Neues Gesicht für einen Kultort
Bagger haben rund um die Kilianskirche Asphalt und Steinplatten der Wege entfernt, auch einige Gräber sind abgeräumt. Die Erdarbeiten sind gewaltig, hier an der Nordseite Richtung Tal wird das Gelände aufgefüllt.