Gottesacker wird zum Friedhofspark

Neugestaltung rund um die Kilianskirche für 230 000 Euro − Historischer Einschnitt

Von Sabine Friedrich

Email
Stechen die Spaten in die Erde (von rechts): Pfarrer Johannes Adolph, Bauunternehmer Afrim Osmanaj, Landschaftsarchitekt Michael Epple, Bürgermeister Rainer Gräßle, Statiker Rolf Peter und Kirchengemeinderat Gunter Weber. Während der Bauzeit sind die Gottesdienste im evangelischen Gemeindehaus.Fotos: Dennis Mugler

Talheim - Die Vögel wetteifern mit dem Kirchenchor, der neben dem Lindenbaum "Am Brunnen vor dem Tore" singt. Auch inhaltlich passt das alte Volkslied. "Du fändest Ruhe dort", zitiert Pfarrer Johannes Adolph die Schlusszeile. "Schließlich gestalten wir einen Gottesacker um", sagt er zum Anlass der kleinen Feier, der auch der Posaunenchor festliche Klänge verleiht. Zehn Jahre nach den ersten Überlegungen erfolgt am späten Freitagnachmittag der Spatenstich zur Neugestaltung des Areals rund um die evangelische Kilianskirche. Bis Ende August sollen die holperigen und schmalen Wege zum und ums Gotteshaus verkehrssicher und rollstuhlgerecht sein. Besonders freut sich der Pfarrer auf Freiflächen vor den Eingängen, die zur Kommunikation einladen. "Dann kann man auch mal einen Gottesdienst im Grünen halten", sagt er.

Sitzmauern "Der Charakter der Wehrkirche wird durch die Sitzmauern, die entstehen, deutlich erkennbar", weist Adolph auf eine Neuerung hin. Talwärts wird das Gelände mit seiner schwierigen Topographie aufgefüllt, bergwärts abgetragen. "Die Kirche wird in ein ebenes Feld gestellt", spricht Adolphs Stellvertreter im Kirchengemeinderat, Hans Müller, das "Revolutionäre" der Umgestaltung an. "Wir machen Platz, und die Kirche wird sichtbarer." Ein erster Schritt ist im Herbst erfolgt, als einige Bäume gefällt worden sind. Dadurch habe sich die Blickbeziehung zur katholischen Kirche und zur Burg geöffnet. Und vom Dorf sei die Kilianskirche nun besser erkennbar, sagt Landschaftsarchitekt Michael Epple, der von der traumhaften Lage des "evangelischen Buckels" spricht.

"Das ist ein historischer Einschnitt, wie er in 1000 Jahren nicht vorgekommen ist", ordnet Dietrich Gaa das Ereignis ein. "Das war ein Friedhof und wird jetzt ein Friedpark." Mindestens 30 Generationen Talheimer seien hier beerdigt, schätzt der Ortshistoriker. Seit 1970, als der Gemeindefriedhof in Betrieb gegangen ist, hätten nur noch etwa ein Dutzend Leute Grabbelegungsrechte auf dem Gottesacker um die Kilianskirche gehabt. Die letzte Beerdigung datiert aus dem Jahr 2008.

Gräber Neun der rund 40 Gräber, so Epple, müssen weichen. Wenn Gebeine gefunden werden, kommen sie in eine Beinkiste und werden später in einer Gedenkfeier bestattet. Eberhard Steiner ist einer der betroffenen Angehörigen. Seine Eltern ruhen auf dem evangelischen Friedhof. "Es war anfangs schon ein komisches Gefühl", meint der ehemalige Kirchengemeinderat zur Umgestaltung, die er inzwischen mitträgt. Das Grab hätte ohnehin geräumt werden müssen. Müller weist darauf hin, dass die zu entfernenden Grabsteine auf einer Wiese einen neuen Platz finden sollen.

Bürgermeister Rainer Gräßle gratuliert der Kirchengemeinde zur "mutigen Entscheidung", die bedeute, den Friedhof gedanklich aufzugeben. Die Pläne seien gelungen. Entwürfe angehender Landschaftsarchitekten der Fachhochschule Nürtingen haben Anregungen geliefert. Gräßle wertet die Umgestaltung als Bereicherung, die Aufenthaltsplätze würden zum Verweilen einladen, hier könne man Ruhe finden, dem Alltag entfliehen.

Der Bürgermeister überreicht einen symbolischen Scheck über 10 000 Euro. Der Pfarrer dankt für diesen Zuschuss, wirbt unter den über 60 Versammelten für die Spendenaktion, ab 100 Euro aufwärts Maueranteile zu erwerben. Denn der Eigenanteil von 130 000 Euro soll die Rücklagen nicht vollständig aufbrauchen. 60 000 der 230 000 Euro Gesamtkosten gewährt die Landeskirche, der Kirchenbezirk 30 000 Euro.

Gottesacker wird zum Friedhofspark
Das Grab von Ehrenbürger Hanns Reeger bleibt auch erhalten.
Gottesacker wird zum Friedhofspark
Holprig, schmal und beschädigt: Die Wege werden verlegt und verbreitert.
Gottesacker wird zum Friedhofspark