Duftschwaden im Schlaraffenland vertreiben Rehe

Jäger Otto Schlecht schützt die Weinberge

Von Rolf Muth

Duftschwaden im Schlaraffenland
Otto Schlecht tränkt den Stofffetzen mit der Flüssigkeit. Die Luft trägt die besondere Note in die Nasen der Rehe, die Reißaus nehmen sollen.Fotos: Rolf Muth

Lauffen - Dichtes Schilf, eine kleine, grasgrüne Lichtung, hohe Weiden, abgestorbenes Holz - das Naturschutzgebiet am Lauffener Kirrberg ist ein Paradies für Wildtiere. Langsam geht hier die Rebflur in Wald über. „Vor 80 Jahren waren das alles Weinberge“, zeigt Jäger Otto Schlecht auf den Höhenzug des Kirrbergs. Die aufgelassenen, sprich nicht mehr bewirtschafteten Weinberge wurden der Natur überlassen. Die bewirtschafteten Flächen, rund 50 Ar, die es in dieser Idylle hier noch gibt, sind von drei Seiten von Dickicht umgeben. Und mitten drin liegt das Schlaraffenland für die hungrigen Vierbeiner. Otto Schlecht: „Die ersten Blätter der Reben entfalten ihr frisches, saftiges Grün. Die Rehe fressen den ganzen Trieb ab.“ Es sind Feinschmecker, Selektionsfresser, die nur 1-A-Kost knabbern: In den jungen Trieben und den winzigen Trauben steckt jetzt Energie pur.

Feinschmecker Dass das Grün dem Wild schmeckt, passt den Weingärtnern natürlich überhaupt nicht. Denn die Rehe fressen den ganzen Trieb ab. Schlecht: Die Trauben sind weg, die Ruten fürs nächste Jahr gestutzt. Bevor es hier zu einem Konflikt kommt, sorgt der Jäger vor. Der Duft ist der Zauber, der die Rehe von dem reich gedeckten Tisch abhalten soll.

Schlecht zieht einen weißen Gummihandschuh an. Erst dann greift er tief in einen weißen Eimer und holt rostbraunes Granulat heraus: Tonkügelchen, die mit Duftstoffen getränkt sind. Das soll die Rehe von den Reblagen abhalten. Üblicherweise wird das Material an Unfallschwerpunkten entlang von Straßen ausgestreut. Warum soll es nicht auch im Weinberg wirken?

Tinktur Doch Otto Schlecht traut der ganzen Sache nicht. Er hat noch eine wirksame Tinktur dabei. Dunkelbraun ist die Plastikflasche, die ein ganz besonderes Parfüm in gleicher Färbung enthält. Ein intensiver Gestank entweicht der aufgeschraubten Öffnung. Das Aroma vergrämt nicht nur Rehe. Auch die menschliche Nase leidet. Gewaltig. Schlecht grinst: „Das ist ein flüssiger Duftstoff, der konzentriertem, menschlichem Schweiß nachempfunden ist.“ Das müsste schon eine Horde wasserscheuer Gesellen sein, die die Luft an der alten Neckarschlinge derart verpestet.

Während zwei Bussarde am sonnigen Himmel die Aufwinde nutzen und ihre Kreise ziehen, tränkt Schlecht kleine Stofffetzen mit der Flüssigkeit und hängt sie an einen Eisenstab. „Unsichtbarer Zauber“, steht auf dem Produkt, das nicht im entferntesten Ähnlichkeit mit Chanel hat. Mühsam ist der Aufstieg am steilen Hang. 250 Stufen geht's aufwärts. Pro Terrasse bleiben zwei „Duftstäbe“ zurück. Nach zweieinhalb Stunden hat Schlecht die drei Weinberge mit hundert Tüchern hinterlassen. Der Duft ist jetzt mit dem menschlichen Riechorgan kaum mehr wahrnehmbar. Nicht so beim Wild: Wenn sich jetzt ein Reh nähert, nimmt es vor dem vermeintlichen Menschen Reißaus. So funktioniert die sogenannte Wildverwitterung oder Wildvergrämung. Manche Tropfen gelangen natürlich auch auf die Kleidung, das lässt sich nicht vermeiden. Hose und Hemd wechselt der Jäger deshalb außerhalb seines Hauses. Schließlich will er nicht seine Ehefrau vergrämen.

Duftschwaden im Schlaraffenland
Ein besonderer Leckerbissen: Frische Triebe in den Reblagen schmecken.
Duftschwaden im Schlaraffenland
Das Granulat enthält Wirkungsstoffe, die die Vierbeiner fernhalten sollen.