Blaue Fensterrahmen und ein Proteststurm

Meilenstein der Entwicklung: Vor 25 Jahren wurde mit dem Dienstleistungszentrum eine Ortsmitte geschaffen

Von Sabine Friedrich

Alt und modern: Die Burg und das Rathaus mit Geschäften zu ihren Füßen bilden die ortsbildprägende Kulisse von Talheim.Foto: Dittmar Dirks

Talheim - Es passt so richtig zu Talheim, zur reichhaltigen Geschichte.“ Das, wovon Bürgermeister Rainer Gräßle so schwärmt, ist 25 Jahre alt: das Dienstleistungszentrum mit Rathaus und Geschäften. „Zusammen mit dem Rathausbrunnen und dem Vorplatz sowie der Burg im Hintergrund bildet das Gebäude eine wunderbare Kulisse“, ergänzt der Schultes. Von einem Meilenstein spricht sein Vorgänger, Hansjörg Apprich. Mit dem Verwaltungs- und Geschäftsgebäude, das sich zu Füßen der Burg seiner Umgebung anpassen musste, wurde die Ortssanierung Talheims eingeleitet. Und ein Mittelpunkt geschaffen.

„Das war das wichtigste Vorhaben in meinen ersten zehn, 15 Jahren“, erinnert sich der Alt-Bürgermeister. Es bescherte ihm aber „viele harte Stunden und Nächte“. Gab es doch eine Welle des Protestes, als der Gemeinderat, ganz progressiv, blaue Fensterrahmen beschloss als Verbindung zum blauen Muschelkalk.

„Als die Fenster eingebaut waren, haben die Leute gefragt, wann die Folien wegkommen“, kann Apprich heute darüber lachen. Damals fiel er aus allen Wolken, als ihm eines morgens der evangelische Pfarrer Dieter Richter, der mit seinem katholischen Kollegen Richard Leiter den Protest anführte, 600, 700 Unterschriften überreichte mit dem Vorwurf: „Wir würden die Natur zerstören“. Richter habe sogar von der Kanzel gegen das Blau gewettert, weiß Apprich, der froh über seinen standhaften Gemeinderat war.

Den Architekten Heinz Rall, der sich mit der Sanierung der Herzogskelter und des Deutschen Hofs in Güglingen Renommee erworben hatte, ließ die Entrüstung nicht kalt. „Er ist nicht zur Einweihung gekommen, weil er so angeschossen und seine fachliche Kompetenz derart in Frage gestellt wurde“, schüttelt Apprich heute noch den Kopf über das Verhalten der Gegner. „Wir haben trotzdem gefeiert“, weist er auf die Einweihung des 5,5 Millionen Mark teuren Gebäudes am 1. März 1983 hin. „Viele waren dann begeistert.“

Veränderungen Die blauen Fenster des Gebäudes, das bewusst den Charakter des 20. Jahrhunderts erhielt, muteten den Talheimer vielleicht zu viel zu. Es waren Zeiten tiefgreifender Veränderungen. Die Schozach wurde in den 50er Jahren unter die Erde gelegt, in den 60ern stellte die Bottwartalbahn den Betrieb ein. Für das Dienstleistungszentrum wurden Häuser abgerissen, Eichen gefällt, die Straße wurde verlegt, das Kriegerdenkmal musste weichen.

„Furchtlos“ stieg der frisch gebackene Bürgermeister 1978 in die Diskussion ein, was aus der alten Kelter, um 1840 erbaut, werden sollte. Rathaus und Coop-Markt waren für das wachsende Talheim zu klein geworden. Damit die Gemeinde das neue Verwaltungsgebäude nicht so teuer kam, griff man das Grundkonzept des mittelalterlichen Rathauses auf: unten Läden, oben Amtsstuben. Investoren zu finden, war nicht schwer. Die trugen 32 Prozent der Kosten der Räume, in die Coop und Post einzogen. Im Ostflügel wurde eine Zahnarztpraxis eingerichtet.

Überreste Dort stehen mit einer Wand aus Muschelkalk die einzigen Überreste des Vorgängerbaus. Mehr konnte aus Kosten- und statischen Gründen von der alten Kelter, der ein eigener Denkmalwert zugesprochen worden war, nicht verwendet werden. Apprich schreibt in der Chronik, dass es manchem Alteingessessenen weh ums Herz wurde, als am 4. November 1981 der Altbau wich. Am 18. März 1982 war Grundsteinlegung, am 27. August Richtfest. In 27 Sitzungen und 59 Tagesordnungspunkten befasste sich der Gemeinderat von 1978 bis 1983 mit dem Dienstleistungszentrum.

Bedauerlich war für die Gemeinde, dass für dieses Projekt keine Landesmittel flossen. Und das obwohl es ein Paradebeispiel für das Städtebauförderungsgesetz darstellte. Erst 1984 wurde Talheim ins Landessanierungsprogramm mit der Ortsmitte aufgenommen. Mit Zuschüssen wurde der Rathausplatz gestaltet, die Burg saniert. Inzwischen ist die Ortskernsanierung in der dritten Runde.

18. März 1982: Hansjörg Apprich ließ bei der Grundsteinlegung auch zwei Flaschen Talheimer Wein einmauern.Fotos: Archiv
Ein Kampf beginnt, ein Kampf endet
Ein Jubiläum 2008: Grundsteinlegung 1983 fürs Rathaus.Foto: Archiv/Kempf