„Aus der Erde kommt das Eisen“

Schmiedemeister Martial Herbst reizt das Archaische an seinem alten Handwerksberuf

Von Wolfgang Seybold

„Aus der Erde kommt das Eisen“
1200 Grad heiß muss das Metall in der Esse werden, damit es der 35-jährige Martial Herbst in seiner Werkstatt in Maad auf dem Amboss schmieden kann.Foto: Werner Kuhnle

Beilstein - In der Werkstatt ist es dunkel, an den Wänden hängen lange Zangen. In der Esse beginnt mithilfe eines Gebläses ein kräftiges Feuer zu lodern. Im Beilsteiner Ortsteil Maad hat Schmiedemeister Martial Herbst mit seiner Familie eine Bleibe gefunden. „Wenn ich über das Schmidbachtal schaue, komme ich mir vor wie im Urlaub“, sagt Herbst und fügt an, dass er die Ruhe und das Ländliche für seine Arbeit brauche.

Inzwischen ist der Rundstahl im Feuer glühend rot geworden und wartet darauf, geschmiedet zu werden. Gut 1200 Grad heiß muss das Metall sein, damit es bearbeitet werden kann. Martial Herbst, der letzte Schmied im oberen Bottwartal, hängt sich die Lederschürze um, greift das glühende Eisen und legt es auf den neben der Esse stehenden Amboss. Mit wuchtigen, rhythmischen Hammerschlägen formt er den Stahl zu einer gleichmäßigen Spitze. „Das Material hat mich erzogen, denn es wollte nicht immer so, wie ich wollte.“ Der gar nicht dem Bild eines hünenhaften Schmiedes entsprechende Handwerker hat aber inzwischen die Kunst und Fertigkeit erlangt, das harte Eisen nach seinem Willen und seinen Inspirationen zu formen.

Wie ist der 35-Jährige zum „altehrwürdigen“ Handwerkerberuf gekommen? Nach einer abgeschlossenen Ausbildung zum Kfz-Mechaniker wollte der in Ludwigsburg aufgewachsene Herbst kreativ mit Metall arbeiten. In Kirchheim am Neckar fand er einen Schmiedemeister, der ihn in die Geheimnisse eines der ältesten Handwerke einwies. „Mich hat besonders das Archaische an diesem Beruf fasziniert“, sagt Herbst, in dessen Werkstatt sich kaum Maschinen befinden.

Im Vorgarten sind einige Skulpturen aufgestellt, die den Hang zum Altertümlichen, zur Mystik und Symbolik unterstreichen. Dabei fällt die stählerne Gartentüre ins Auge. Sie ist Herbst Meisterstück, das sich aus alchimistischen Zeichen zusammensetzt. Ein dicker Stahlring versinnbildlicht die Erde, ein großer „Schnörkel“ das Eisen und eine stilisierte Zwei den Stahl. Für den Schmiedemeister bedeutet das Tor den Ursprung seines Handwerks: „Aus der Erde kommt das Eisen.“ Kreis, Dreieck und Quadrat werden von Herbst als beliebte geometrische Grundformen in Gebrauchsgegenstände wie ergonomisch geformte Gartenstühle und Sitzbänke eingearbeitet. Als Vorbild aus der Natur hat es dem Metallgestalter auch der asiatische, aus dem Mesozoikum stammende Ginkgobaum angetan. Stelen mit fächerförmigen Ginkgoblättern verteilen sich auf dem Gartengelände, dazwischen stehen Lichtobjekte mit Rostpatina überzogen. Für ein Messer nach Damaszener Manier hat er die rasiermesserscharfe Klinge aus hochwertigem Stahl rund 30 Mal gefaltet, feuergeschmiedet und kunstvoll geschliffen. Man bekommt eine Ahnung davon, was mittelalterliche Waffenschmiede zu leisten im Stande waren.

Herbst ist es wichtig, sein altes Handwerk weiter leben zu lassen. Deshalb bildet er auch einen Lehrling aus. Das Schmiedehandwerk, der Umgang mit den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft, sieht der Meister in der Beliebtheit der Ausbildungsberufe wieder im Aufwind.