Älteste Glocke heißt „die Namenlose“

Wechselvolle Geschichte des Dreiergeläuts in der Kilianskirche

Von Gustav Döttling

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Dietrich Gaa mit der „Namenlosen“. Diese Glocke dient in der evangelischen Kilianskirche als Taufglocke.Foto: Gustav Döttling

Talheim - Jeden Tag hören die Talheimer 552 Glockenschläge nur von der Kirchturmuhr, dazu kommen noch viermal am Tag die Glockenschläge vom Läuten“, hat der Talheimer Ortshistoriker Dietrich Gaa die Schläge des Dreiergeläuts in der evangelischen Kilianskirche gezählt. Er ist jedes Mal fasziniert, was Glockenstuhl und Kirchturm im Lauf der Jahrhunderte an Schwingungen und Kräften ausgehalten haben und noch immer aushalten, wenn sich fast eineinhalb Tonnen Bronze in Bewegung setzen.

Seit fünf Jahren beschäftigt sich der pensionierte Studiendirektor mit den historischen Reichtümern seiner Gemeinde. Wer das Nachrichtenblatt der Kirchengemeinde aufmerksam gelesen hat, weiß, was Gaa über die Kilianskirche und ihre Glocken herausgefunden hat. „Unsere älteste Glocke ist die Namenlose. Weil sie die kleinste Glocke ist, dient sie als unsere Taufglocke“, erzählt Gaa. Die schlichteste Version im Dreiergeläut versieht ihren Dienst seit Anfang des 14. Jahrhunderts in der Kilianskirche.

Keine Werbung Sie heißt „die Namenlose“, weil keine Inschrift und kein Bildsymbol einen Hinweis auf ihren Schöpfer oder ihren Guss geben. Die Glocke wiegt 310 Kilo, hat einen Durchmesser von 80 Zentimetern und ist nach Schätzungen von Experten um das Jahr 1300 entstanden. „Es war zu dieser Zeit gar nicht so selten, dass die Gießer keine Schriften auf die Glocken aufgebracht haben, das war auch eine Geldfrage“, sagt Claus Huber, Glockensachverständiger beim Oberkirchenrat. Die bekannten Gießer hätten es nicht nötig gehabt, auf ihren Glocken „Werbung“ zu machen.

„Die Namenlose“ hat noch eine etwas jüngere „Schwester“. Gaa fand heraus, dass die Evangelistenglocke, auf deren Fries die Namen der vier Evangelisten stehen, nur unwesentlich jünger ist. In seiner „Handreichung zu den Glocken der evangelischen Kilianskirche“ schreibt der Historiker: „Unsere Evangelistenglocke ist 380 Kilo schwer und hat einen Durchmesser von 87,5 Zentimetern“.

Reichtum „Die Herren von Talheim scheinen über einen gewissen Reichtum verfügt zu haben“, vermutet Dietrich Gaa, dass die beiden alten Glocken von der Talheimer Obrigkeit angeschafft wurden. Dass die beiden alten „Damen“ heute noch ihren Dienst zusammen versehen können grenzt an ein Wunder. Die „Namenlose“ wurde im Ersten und Zweiten Weltkrieg abgehängt, um eingeschmolzen zu werden. „Das erste Mal kam sie nicht weit“, erzählt Gaa. Kurz vor Ende des Krieges sei sie nur bis in eine Lagerhalle des Heilbronner Hauptbahnhofs gekommen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei sie in einem Glockenlager in Lünen wieder der Talheimer Kirche zugeordnet worden. Zum Glück hätten Pfarrer Rheinwald und der Kirchengemeinderat 1921 den Verlockungen der Gießerei Bachert widerstanden. Die wollte die alten Glocken einzuschmelzen und ein neues harmonisches Dreiergeläut gießen. Mit einer Spende der Brüder Albert und Ludwig Zoller aus New York wurde dann bei Heinrich Kurtz in Stuttgart eine neue Betglocke gegossen. Diese überstand den Zweiten Weltkrieg nicht. So erhielt die Kirche 1953 nochmals eine Betglocke aus dem Hause Kurtz. Sie stimmt bis heute mit den zwei alten Glocken beim gemeinsamen Läuten das „Te Deum“-Motiv an.