Madame Pedrillo war das Käthchen Nummer 1

Was so maßgeblich den Ruf Heilbronns prägt, dass die Stadt häufig danach benannt wird, beginnt fernab in Wien. Und ein Rätsel ist bis heute, warum Heinrich von Kleist das Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ am Neckar angesiedelt hat

Von Uwe Jacobi

Madame Pedrillo war das Käthchen Nummer 1
E. Kornacher.
Was so maßgeblich den Ruf Heilbronns prägt, dass die Stadt häufig danach benannt wird, beginnt fernab in Wien. Und ein Rätsel ist bis heute, warum Heinrich von Kleist das Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ am Neckar angesiedelt hat.

Uraufführung ist am 17. März 1810 im Theater an der Wien. Das erste Zeugnis eines Besuchers aus dem Unterland stammt von Justinus Kerner. In einem Brief (27. März 1810) ist der Weinsberger Dichter und Arzt von „Madame Pedrillo“ in der Titelrolle hellauf begeistert und schwärmt, sie habe „Gott wie herrlich!“ gespielt.

Dass bei den ersten bekannten Aufführungen in Heilbronn 1835 und 1845 als Autor ein gewisser Franz von Holbein genannt wird, ist schnell entschlüsselt: Hier hat sich ein früher Bearbeiter des Textes verewigt. Unlösbar erscheint dagegen die Frage, warum Kleist, der Heilbronn nie besucht hat, diese Stadt zum Schauplatz gewählt hat.

Kennzeichnend für die Käthchengestalt ist, dass die 15-Jährige im Traum den ihr vom Schicksal bestimmten Gemahl gesehen hat: Graf Wetter vom Strahl, den sie abgöttisch verfolgt und dem sie schlafend ihr Geheimnis offenbart und der seinerseits merkt, dass sie jene Kaisertochter ist, die ihm im Traum versprochen worden ist. Zum Happy-End erkennt der Kaiser, dass er das Käthchen bei einem Techtelmechtel in Heilbronn gezeugt hat.

Madame Pedrillo war das Käthchen Nummer 1
Käthchen-Postkarte mit der „Heldin“ und Käthchenhaus Ende des 19. Jahrhunderts: Wie das Käthchen aussieht, beflügelt mangels Vorbild die Phantasie.

Vorbilder dafür gibt’s in der Käthchenstadt nicht. Aber weil den Touristen etwas geboten werden soll, stilisiert Heilbronn das stattlichste Bürgerhaus am Marktplatz zum Käthchenhaus. Und Stadtchronist Friedrich Dürr zaubert 1897 sogar ein „Urkäthchen“ hervor: Elisabeth Kornacher. Kleist habe in Dresden durch einen Bericht des Stadtarztes Eberhard Gmelin von der „magnetischen Schlafrednerin“ gehört und sei dadurch inspiriert worden.

Der Kleist-Forscher Helmut Sembdner präsentiert dagegen 1977 als Quelle eine 1841 gedruckte Sage über ein „schön‘ Schmiedstöchterlein“ zu Heilbronn. Unklar bleibt allerdings, ob die Sage tatsächlich älter ist als die Idee zum Drama.

Wenn Kleist durch Gmelin angeregt worden sei, so 1994 Archivdirektor Christhard Schrenck, dann habe es sich um die Krankengeschichte einer anderen Patientin gehandelt; statt der Bürgermeistertochter Kornacher sei dies Charlotte Zobel gewesen.

Denkbar bleibt dazu, Kleist sei durch den Ruf Heilbronns als Reichsstadt (1371 - 1802) zur Ortswahl motiviert worden. Immerhin spielt Heilbronn in Goethes Drama „Götz von Berlichingen“ (1774) als Reichsstadt eine gewichtige Rolle. Das Rätselraten geht im 21. Jahrhundert munter weiter.