Der Leidensweg Hans Fähnles

Flein - Teile des Passionszyklus von 1942 in beiden Kirchen.

Von unserer Redakteurin Sabine Friedrich

Der Leidensweg Hans Fähnles

Bürgermeister Alexander Krüger, die Pfarrer Markus Schanz und Michael Donnerbauer (von rechts) mit den Lichtdrucken von 1946. Über dem St. Veit-Altar das Motiv "Dornengekrönter" von 1952 aus der Fähnle-Galerie Überlingen.

Fotos: Guido Sawatzki

Flein - Die Augen tief in den Höhlen liegend, das Gesicht eingefallen, kantig. Der Körper seltsam langgezogen, die Hände gefesselt. Neben dem der Gotteslästerung Angeklagten eine widerliche Fratze des Hohepriesters: aufgerissener Mund, Hakennase, Abscheu sprühende Augen. Eine gewalttätige Szene. Mit wilden Kreidestrichen. "Jesus vor Kaiphas." Sie stammt von Hans Fähnle. Gezeichnet an der Ostfront. Im Zweiten Weltkrieg.

"Passion 1942." So heißt der Zyklus des Malers, der in Flein geboren wurde. Zwölf der 22 Stationen sind in der Passions- und Fastenzeit ab 17. Februar in der St. Veit- und der Dreifaltigkeitskirche zu sehen. Und werden in Gottesdiensten und Andachten von den Pfarrern beider Konfessionen thematisiert. Es ist nicht nur der Leidensweg Christi. Es ist auch der Leidensweg Hans Fähnles. Ein spannendes Experiment als Vorgeschmack auf die große Fähnle-Retrospektive im Herbst im Rahmen des 825. Ortsjubiläums.

Berührt

Der Leidensweg Hans Fähnles

"Unterm Kreuz": Jesus bricht unter der Last zusammen. Der Maler zeichnet als Soldat unter dem Eindruck des Krieges.

"Ich finde die Idee genial. Als ich die Bilder gesehen habe, war ich sehr beeindruckt", sagt der evangelische Pfarrer Markus Schanz. Und dass diese mitten im Kriegsgeschehen entstanden, berührt ihn umso mehr. Auch bei seinem katholischen Kollegen Michael Donnerbauer von der Seelsorgeeinheit Neckar-Schozach ist das Angebot von Dr. Thomas Knubben, Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, auf ein positives Echo gestoßen. Er bereitet die Herbst-Ausstellung mit vor.

"Ich finde es toll, dass die Kirchen mitmachen", freut sich Bürgermeister Alexander Krüger. Die Gemeinde hat den Flyer zu dieser "Satelliten-Ausstellung" gedruckt. Im Gemeindearchiv war schon eine der 200 Mappen der Lichtdrucke des Passionszyklus" von 1946 vorhanden. Jetzt hat die Kommune ein zweites Exemplar erhalten, die beiden Kirchen jeweils eines. Und daraus haben sie eine unterschiedliche Auswahl getroffen. "Wir beschränken uns auf die Passionsmotive", erläutert Schanz, weshalb die Bildergalerie in St. Veit nicht bei Christi Geburt beginnt, sondern erst mit dem Einzug in Jerusalem.

Mit Blick auf die vielen Heimatvertriebenen in der Kirchengemeinde Flein-Talheim beginnt Donnerbauer früher, mit der Flucht nach Ägypten. "Vertreibung ist auch ein Leidensweg", sagt er. Der Stadtpfarrer aus Lauffen will eine Perspektive aufzeigen. Deshalb ist das letzte Zyklus-Blatt, die Himmelfahrt, an der Seitenwand in der Dreifaltigkeitskirche zu sehen. Dieser außergewöhnliche Kreuzweg hängt auch noch in der Osterwoche. Schanz setzt bewusst den Schlusspunkt mit der Kreuzigung an Karfreitag. "Ich finde es spannend, dass Ostern fehlt", wundert sich der Protestant über diese Lücke bei Fähnle.

Offenheit

Der Leidensweg Hans Fähnles

Ein moderner Fähnle: Die Kreuzigung von 1967 ist in der Dreifaltigkeitskirche erstmals öffentlich ausgestellt.

Wie werden die Kirchenbesucher die expressiven und exzessiven Darstellungen Fähnles aufnehmen? "Ich habe überhaupt keine Bedenken, dass jemand sagt: wie furchtbar", meint Schanz. "Ich erhoffe mir, dass die Leute Offenheit mitbringen, sich damit auseinander zu setzen", sagt Donnerbauer, der sich auch ein Nachdenken wünscht. Schanz beobachtet, dass die Menschen heute ein großes Problem hätten, mit Leiderfahrungen umzugehen. "Das Leid spiegelt die Realität", sagt Donnerbauer. "Die Frage ist nur, wie ich damit umgehe."