Zwischen Kaltem Krieg und Naherholung

Heilbronn - Heute vor 27 Jahren explodierte auf der Waldheide das Triebwerk einer Pershing-II-Atomrakete. Heilbronn entging nur knapp einer Katastrophe. Inzwischen dient der ehemalige Stützpunkt für Vernichtungswaffen der Naherholung.

Von unserem Redakteur Kilian Krauth

Zwischen Kaltem Krieg und Naherholung
Zu Zeiten des Kalten Krieges war die Waldheide eine Festung, in der Atomwaffen lagerten. Beim Pershing-Unfall 1985 war es bitterkalt.Foto: Archiv/Eisenmenger

Heilbronn - Der 4. Dezember 1944, der Tag der Zerstörung Heilbronns, ging als Schicksalstag der Stadt in die Geschichte ein. Ins kollektive Bewusstsein eingegraben hat sich auch dieses Datum: 11. Januar 1985. Heute vor 27 Jahren explodierte auf der Waldheide das Triebwerk einer Pershing-II-Atomrakete. Heilbronn entging nur knapp einer Katastrophe. Die Stadt stand im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit und wurde auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen Nato und Sowjetunion zum Mekka der Friedensbewegung. Wenige Jahre später setzte politisches Tauwetter ein. 1989 zogen die ersten Soldaten ab, Mitte der 1990er Jahre hat sich die Natur Fort Redleg zurück erobert. Inzwischen dient der ehemalige Stützpunkt für Vernichtungswaffen der Naherholung.

Tagesgespräch

"Ich komme so gut wie täglich hierher", berichtet Joannis Papapetrou. Heute stampft er mit seinem Sohn Thomas auf einem ausgedienten Army-Trampelpfad entlang der Donnbronner Straße. Beide erinnern sie sich gut an den eiskalten und schneereichen 11. Januar 1985. "Wir hörten im Radio, was passiert war. Das war ein gewaltiger Schock," berichtet der 60-Jährige, der einst mit Ehefrau Bojana das griechische Lokal Sorbas in der Dammstraße betrieb. Überall war der Unfall Tagesgespräch, auch in Schulen. "Von einem gewissen Gefühl der Angst" weiß Thomas Papapetrou (39). Er wurde damals von seinem Lehrer an der Wilhelm-Hauff- Schule über die Hintergründe aufgeklärt.

Zwischen Kaltem Krieg und Naherholung
Ein Felsen erinnert an die Opfer des 11. Januar 1985. Am kommenden Sonntag um 14 Uhr findet hier eine Gedenkfeier mit Army-Veteranen statt.Fotos: Guido Sawatzki
Zwischen Kaltem Krieg und Naherholung
Joannis und Thomas Papapetrou (links) an einer Wanderkarte.
Zwischen Kaltem Krieg und Naherholung
Annemarie Kunzelmann mit Lilly und Bonny am Waldheide-Mahnmal.

Obwohl auch sie damals noch ein Kind war und mit der Familie in Möckmühl lebte, ist sich Annemarie Kunzelmann "stets bewusst, was hier oben einst passiert ist". Die Bäckereifachverkäuferin aus Obergruppenbach kommt mehrmals in der Woche mit ihren englischen Jagdhunden Lilly und Bonny am Waldheide-Mahnmal vorbei. In zwei Betonwänden, deren Schaufenster an die Umrisse einer Rakete erinnern, wird die bewegte Geschichte des Ortes anschaulich dargestellt. Freilich: Die 40-Jährige schätzt die Waldheide weniger als Schauplatz des Kalten Krieges, sondern als "totalen Ruhepol". "Nur im Sommer ist es schrecklich", meint sie: "weil alle Welt grillt und Müll hinterlässt, sogar dort hinten an der Gedenkstätte", berichtet die Bäckereifachverkäuferin und deutet zu einer alten Lagerhalle hinüber.

Das Gebäude mit der Nummer 901 und den "No smoking"-Schildern wurde bei der Renaturierung als einziges Gebäude nicht geschleift. Heute dient es als Schafstall. Der asphaltierte Vorplatz geht nahtlos in die idyllische Heidelandschaft über − deren Untergrund nach wie vor Bunker birgt.

Empörung

Am Horizont tauchen zwei Spaziergänger auf, Cornelia und Hartmut Kelm. Das Ehepaar lebte 1985 zwar in München, ist aber bis heute empört, "wie wir damals von Politikern angelogen wurden. Erst nach dem Unfall konnte keiner mehr leugnen, dass hier oben Atomwaffen lagerten." Als dann im April 1986 auch noch das Atomkraftwerk Tschernobyl explodierte, gingen die Kelms auf die Straße.

Gedenkstätte

Auf der Waldheide wurde Tor 2 noch lange nach dem Unfall von Demonstranten belagert, später diente es als Treffpunkt für Gedenkfeiern. 100 Meter entfernt stoßen wir auf ein mit Pflastersteinen umfriedetes Steinfeld. Es erinnert an eine Grabstätte. Zwischen Buchs- und Thuja-Büschen sitzt ein naturbelassener Felsen. Zwei US-Fähnchen stechen ins Auge. Neben einer Plastikrose, einem Plastikbäumchen und natürlichem Grabschmuck stehen fünf rote Grablichter. Wenige Stunden vor dem Jahrestag des Waldheide-Unglücks brennen sogar zwei Kerzen. Auf einer Metalltafel stehen die Worte "Lest we forget" − "Damit wir nicht vergessen" − und die Namen John Leach, Todd A. Zephir und Darryl L. Shirley. Die drei Soldaten kamen hier am 11. Januar 1985 ums Leben.