Zucker wird knapp und teuer

Heilbronn - Weil eingeplante Importe ausfielen, ist in Europa der Lebensmittelzucker knapp. Lidl hat jetzt im Verkauf die Menge auf vier Kilo pro Kunde festgelegt, weil in grenznahen Lidl-Märkten verstärkt größere Mengen gekauft werden.

Von Herbert Kaletta

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Heilbronn - Zucker ist knapp in Europa. Das hat vor allem einen Grund. Erwartete Importe aus Übersee blieben im letzten Jahr aus. Europa ist aber seit der Zuckermarktreform von 2006 auf die Einfuhr von Zucker angewiesen. Zuvor war es Exporteur gewesen.

Folge sind für Endverbraucher und Verarbeiter höhere Preise. Lidl beschränkt zurzeit wegen einer Sonderkonjunktur auch in Geschäften im Unterland die Abgabe von Zucker auf vier Kilogramm pro Kunde. "Wir stellen gegenwärtig eine verstärkte Nachfrage nach Zucker in unseren zu Polen grenznahen Filialen fest", heißt es dazu auf Anfrage unserer Zeitung vom Unternehmen. Grundsätzlich verfüge man über eine ausreichende Menge Zucker. "Wir bitten unsere Kunden jedoch, Zucker nur in haushaltsüblicher Anzahl einzukaufen, denn für uns steht die sichergestellte Versorgung der Kunden im Fokus, nicht Aktivitäten auf Drittmärkten."

Grund der Hamsterkäufe in Grenznähe: In Deutschland kostet Haushaltszucker zurzeit um die 65 Cent pro Kilogramm. In Polen zahlen Verbraucher momentan dafür zwischen 1,25 und 1,70 Euro.

Weltmarkt

"In Osteuropa ist der Mangel noch gravierender", sagt Harald Wetzler, Geschäftsführer des baden-württembergischen Zuckerrübenanbauverbandes mit Sitz in Heilbronn. Aus seiner Sicht ist die Knappheit nun paradoxerweise Folge der bei den Bauern ungeliebten Zuckermarktreform. 2006 wurde die Anbaumenge in Europa um 22 Prozent abgesenkt. Gleichzeitig wurde der Garantiepreis, damals deutlich unter Weltmarktpreis, um 39,5 Prozent gesenkt. Neben dem Subventionsabbau war damals Ziel, den 50 ärmsten Ländern der Welt Zugang zum europäischen Zuckermarkt zu ermöglichen − mit einem Kontingent von vier Millionen Tonnen Zucker pro Jahr. Europas Anbauer fürchteten aber schon damals, dass davon große Zuckerproduzenten in Brasilien profitieren.

Inzwischen hat der Markt sich rasant verändert. Ernteausfälle in Thailand und Australien, Produktionsrückgang in Brasilien, wo steigende Benzinpreise die Herstellung von Biosprit auf den Flächen attraktiver machten. Und steigende Nachfrage aus China. Das alles sorgte dafür, dass die 50 Länder ihren Zucker in ihrer Nachbarschaft verkaufen konnten. Weil er in Europa fehlt, hat die EU-Kommission jetzt einmalig erlaubt, dass 800 000 Tonnen Industriezucker als Haushaltszucker auf den Markt dürfen (Hintergrund).

Rekordpreis

Bei 600 Euro pro Tonne stand der Weltmarktpreis für Zucker zu Jahresbeginn. Wetzler: "So hoch, wie seit 30 Jahren nicht mehr." Viel Spekulation stecke im Preis, der gerade bei 500 Euro steht. Die Bauern reagierten auf die Vorlage der EU-Kommission. "Die Anbaufläche in Baden-Württemberg wurde in diesem Jahr von 16 000 auf 18 000 Hektar erhöht − also um rund zwölf Prozent", sagt Harald Wetzler hoffnungsvoll. Denn die Erzeugerpreise werden auf hohem Niveau bleibend erwartet. Ein Drittel der Anbaufläche des Landes liegt in der Region.

Verarbeiter müssen mit einer anderen Entwicklung fertig werden. "Zucker zu bekommen ist kein Problem, aber die Preise sind hoch und keiner macht mehr langfristige Verträge", sagt Rolf Härdtner, Chef der gleichnamigen Bäckereikette aus Neckarsulm. 30 bis 35 Prozent höher liege der Preis. Einen Anstieg gebe es aber derzeit für alle Rohstoffe, und Zucker sei nicht der wesentlichste in seinem Handwerk.

Hintergrund: Zuckerproduktion

Man unterscheidet in Europas Zuckerproduktion aus Zuckerrüben zwischen Quoten- und Industriezucker. Der Quotenzucker ist jener, der in die Lebensmittelproduktion geht. Sein Anbau ist limitiert. Es handelt sich aber um qualitativ gleichwertige Ware. Es sind gewissermaßen die Rüben vom gleichen Feld, die, wenn die Quote erfüllt ist, für die Produktion von Industriezucker verkauft werden können – zu einem schlechteren Preis, der aber zurzeit nahe am Quotenzuckerpreis liegt. kal

Zuckerabfüllung bei Südzucker in Offenau. In diese Fabrik liefern die Anbauer der Region und aus großen Teilen des Südwestens ihre Zuckerrüben.Foto: dpa

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