Wollhauszentrum: Sinkendes Niveau bereitet Sorge

Heilbronn - Das Niveau des Angebotes im Wollhauszentrum Heilbronn sinkt weiter. Mieter der ersten Stunde sind darüber erbost. Am Donnerstag schließt das Reformhaus Harfensteller.

Von Iris Baars-Werner

Spielhalle statt Reformhaus
Die Wollhausbebauung stammt aus dem Jahr 1975.Foto: Dittmar Dirks

Heilbronn - Dieter Harfensteller ist ein gewiefter Geschäftsmann. Seit mehr als drei Jahrzehnten betreibt er seine Apotheke im Heilbronner Wollhauszentrum. Ein paar Jahre später eröffnete er zudem ein Reformhaus wenige Meter davon entfernt auf der anderen Seite des Mittelgangs im Einkaufszentrum. Nun macht er den Laden dicht. Nach 25 Jahren ist der heutige letzte Juni-Tag der letzte des Reformhauses Harfensteller.

Statt Bio-Müsli, luxuriösem Körperöl oder glutenfreien Lebensmitteln gibt es hier künftig Netzkontakte in alle Welt − und Spielgeräte: Die Eigentümer haben einen Mietvertrag mit einem Heilbronner Internetcafé-Betreiber abgeschlossen. Der setzt nicht nur aufs weltweite Netz. Er wird auf der Fläche des Reformhauses und des danebenliegenden ehemaligen Cafés auch Spielgeräte aufstellen.

Harfensteller hätte sein Reformhaus gerne mit neuem Konzept weiterbetrieben. Doch beim Mietpreis kamen sich der Mieter der ersten Stunde und die Eigentümer nicht näher. "Ich habe schon die letzten zwei Jahre betriebswirtschaftlich im Minus gearbeitet", erzählt Harfensteller offenherzig. Er sieht ein Bündel von Ursachen − alle zusammen seien mit den hohen Kosten nicht mehr vereinbar gewesen. 2007 der "erste Schlag" mit dem Umbau der Hohen Straße direkt vor dem Einkaufszentrum. Der Kundenstrom ebbte ab − und nahm nicht mehr zu. In der Stadtgalerie bekam er vorübergehend Konkurrenz. Das Fass zum Überlaufen brachte jetzt die Eröffnung des Bio-Supermarktes im Käthchenhof. Die gesamte Branche plagt sowieso die eine große Bedrohung: Bio-Lebensmittel gibt es inzwischen an jeder Ecke. Und viele Kunden bestellen im Internet.

Den Wechsel in seiner direkten Nachbarschaft sieht Harfensteller gleichwohl mit Sorgen. "Das Niveau im Wollhauszentrum ist nicht mehr das, was es einmal war", erklärt der Unternehmer unmissverständlich. Seine Kritik versucht der Apotheker auch mit der Centerleitung und den Eigentümern zu diskutieren. Harfensteller sitzt im Vorstand des Verbundes aller Wollhaus-Mieter. Doch er muss feststellen: Es interessiert anscheinend keinen. "Früher gab es hier mal einen Hettlage, und jetzt? Früher hatten wir einen hochwertigen Juwelier, jetzt gibt es Modeschmuck. Der Branchenmix stimmt nicht mehr."

Stimmt, sagt Simon Lisker, einer der Eigentümer des Wollhauszentrums, der Branchenmix sei ein anderer: "Das ist eine bewusste Umstrukturierung", im Wollhaus sei "kein hochwertiges Angebot mehr möglich". Darauf hätten die Eigentümer ab dem Moment reagiert als bekannt wurde, dass die ECE-Stadtgalerie nach Heilbronn kommt. Lisker: "Damit können wir nicht konkurrieren." Für ein hochwertiges Sortiment sei das Wollhaus nicht der richtige Platz − von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen.

Wichtig ist den Besitzern vorrangig das eine: die Frequenz. Mit 23 000 Kunden am Tag sei der Zulauf in der jüngsten Vergangenheit wieder gestiegen, berichtet Lisker. "Wenn Leder Streicher dort keine Gewinne erwirtschaften kann, wenn ein Reformhaus nicht läuft, das kann ich nicht beeinflussen", urteilt der Frankfurter Geschäftsmann. Natürlich bedauere auch er, dass die Parfümerie Douglas weggegangen sei.

Frequenz

Die grundsätzliche Kritik aber mag Lisker nicht akzeptieren: Zum einen gebe es keine Einkaufsmeile, die nach 30 Jahren noch so aussehe wie am Anfang. Das Negativurteil der Mieter übersehe eines: "Als wir das Wollhaus übernommen haben, war es bei der Frequenz schlechter als heute."

Hintergrund: Das Wollhaus

Einst als stadtplanerischer Wurf gefeiert, ist das Wollhauszentrum vielen ein Dorn im Auge: Gestalterisch ist der Betonklotz nicht mehr zeitgemäß. Das Angebotsniveau sinkt. Das Wollhaus war früher Umschlagplatz für Wolle, 1975 wurden Tiefgarage, Einkaufszentrum und Büroturm gebaut. Die Ladenstraße war Neuland für den deutschen Einzelhandel. Außer der Passage mit etwa 30 Geschäften ist dort die Galeria Kaufhof untergebracht. iba
 

 

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