Wildbienen droht Hungersnot

Region Heilbronn - Für viele Wildbienenarten beginnt derzeit der Kampf ums Überleben. Ausgerechnet im üppigen Wonnemonat Mai wird vielen Insekten die Nahrung knapp. Blühende Natur und hungernde Bienen − wie passt das zusammen?

Von Bärbel Kistner

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Region Heilbronn - Für viele Wildbienenarten beginnt derzeit der Kampf ums Überleben. Ausgerechnet im üppigen Wonnemonat Mai wird vielen Insekten die Nahrung knapp. Blühende Natur und hungernde Bienen − wie passt das zusammen? Beliebte Gartenpflanzen wie Geranien oder Studentenblumen bieten zwar eine üppige Farbenpracht, für heimische Bienen sind exotische Züchtigungen jedoch völlig wertlos.

Und wenn Wolf-Dieter Riexinger vom Umweltamt der Stadt Heilbronn derzeit im Grünen unterwegs ist, bietet sich ihm meist das gleiche Bild: Die Wiesen sind abgemäht und damit auch die Blüten, die Wildbienen zum Überleben brauchen.

Auf einen Schlag


Früher wurde Gras fürs Milchvieh nach und nach geschnitten, für Bienen blieben genügend blühende Pflanzen stehen. Bei heutiger intensiver Grünlandnutzung werden Wiesen großflächig auf einen Schlag abgemäht. Zudem schon Anfang, Mitte Mai: Zu diesem Zeitpunkt haben Futterpflanzen den höchsten Eiweißgehalt, das liefert die größten Erträge.

"Die frühe Mahd ist ein Riesenproblem für die heimische Insektenfauna", erklärt Riexinger. Vor allem die Nahrungsspezialisten unter den Wildbienen geraten dadurch unter Druck: "Die Populationen gehen stark zurück oder verhungern." Knapp 200 Bienenarten sind im Stadtgebiet von Heilbronn nachgewiesen, 56 stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

Die Braunschuppige Sandbiene etwa sammelt ausschließlich Pollen und Nektar von Wiesenglockenblumen. Weil die lila Blumen auf intensive Bewirtschaftung empfindlich reagieren, ist auch die Sandbienenart stark zurückgegangen. Die Knautien-Sandbiene ist ebenso wählerisch, sie lässt sich nur auf Ackerwitwenblumen nieder.

Anders als ihre domestizierten Verwandten, die Honigbienen, haben die meisten Wildbienenarten einen kurzen Lebenszyklus und nur wenige Wochen Zeit, für Nachwuchs zu sorgen. Die Weibchen lagern den Großteil der gesammelten Nahrung in einer Bruthöhle, legen ein Ei ab und verschließen das Gelege mit Lehm. Im nächsten Frühjahr schlüpft eine neue Biene.

Doch nicht nur Nahrungsmangel macht Bienen zu schaffen. Auch ihr Lebensraum in der Natur wird knapper. Holzbewohner brauchen alte Gehölze und morsche Zweige, bodenbrütende Arten benötigen Erdspalten. Auch Pflanzen-stengel werden als Nistplätze genutzt. Riexinger rät zum "bewussten Blick im eigenen Garten". Nisthilfen anzubringen sei durchaus sinnvoll, anspruchsvollen Arten sei damit jedoch nicht geholfen.

Diese finden einzig in Naturschutzgebieten wie dem Frankenbacher Schotter, an den Lösswänden im Böckinger Ziegeleipark oder einem als Ausgleichsmaßnahme geschaffenen Lehmhang wie bei der Biberacher Kehrhütte Nistplätze.

Dass Wildbienen nicht nur für Vermehrung von Wiesenpflanzen wichtig sind, ist längst bewiesen. Auch bei der Bestäubung vieler Nutzpflanzen spielen Wildbienen wegen ihres Körperbaus eine wichtige Rolle, ob bei Apfel-, Pflaumen-, Kirsch- und Birnbäumen, Beerensträuchern, Zwiebeln, Sonnenblumen oder Luzernen. Hummeln schließlich fliegen selbst bei geringen Temperaturen.

Wolf-Dieter Riexinger bedauert, dass die Bedeutung der Wildbienen in der Landwirtschaft häufig noch unterschätzt wird. In der Wissenschaft gelten die Tiere dagegen längst als eine Schlüsselart. "Ein Rückgang oder Ausfall von Wildbienen kann eine ernsthafte weltweite Bestäubungskrise auslösen", heißt es in einer Studie.


Hintergrund: Hilfe zum Überleben

Einigen Wildbienenarten kann durch einfache Nisthilfen Lebensraum im eigenen Garten geboten werden. Dafür eignen sich Scheiben aus Hartholz – Eiche oder Buche, Nadelhölzer fransen aus – mit unterschiedlich dicken Löchern, aufgehängt an einem sonnigen Platz. Ebenso: Reisighaufen, Totholz, Trockenmauern, gebündelte Schilfstengel, Ziegelsteine. Artenreichtum bei heimischen Gräsern, Blumen und Stauden bietet Nahrung. Wiesen sollten nur abschnittsweise gemäht werden. kis