Wie der psychiatrische Gutachter im Mordfall Neulautern seine Expertise erstellt (17.03.2010)

Region Heilbronn - Ist Matthias F. schuldfähig oder nicht? Dem psychiatrischen Gutachten kommt im Mordprozess Neulautern eine entscheidende Rolle zu.

Mordfall

Region Heilbronn - Ist Matthias F. schuldfähig oder nicht? Dem psychiatrischen Gutachten kommt im Mordprozess Neulautern eine entscheidende Rolle zu. Bis jetzt konnte sich Gutachter Thomas Heinrich mit dem Angeklagten nur über seinen bisherigen Werdegang unterhalten. Wie es dazu kam, dass er die 69-Jährige Rentnerin brutal tötete, darüber wollte Matthias F. keine Angaben machen. Zumindest noch nicht. Psychiater Thomas Heinrich will zu seiner Expertise mit Hinweis aufs schwebende Verfahren nichts sagen. Wie Gutachter zu ihrer Einschätzung kommen, hat er Helmut Buchholz im Interview berichtet.

Wie gehen Sie als psychiatrischer Gutachter vor? Gibt es ein festes Schema?

Thomas Heinrich: Die Erstattung eines Gutachtens stützt sich auf die Kenntnis der Akten und auf ausführliche Untersuchungen, insbesondere Gespräche mit dem Probanden. Soweit erforderlich werden Zusatz-untersuchungen, zum Beispiel testpsychologische Zusatzuntersuchungen oder eine Computertomographie des Schädels durchgeführt.

Welche Fragen sind dabei besonders wichtig?

Heinrich: Die gesamte Lebensgeschichte wird erörtert, inklusive die Besprechung spezieller Themen, zum Beispiel der Suchtmittelkonsum, das Sexualleben und frühere Straftaten. Gegebenenfalls wird die psychiatrische Krankheitsvorgeschichte erörtert, und es werden frühere Behandlungsberichte angefordert. Entscheidend ist, ob sich eine psychische Störung findet, die gemäß der maßgeblichen internationalen Krankheitsklassifikationen ICD 10 zugeordnet wird. Entscheidend ist auch deren Schweregrad und die Auswirkungen auf die Lebensführung insgesamt und nicht zuletzt die Frage eines Zusammenhangs einer Störung oder Erkrankung mit dem Delikt.

Wann kommen Sie zum Ergebnis?

Heinrich: Ein abschließendes Ergebnis wird erst in der Hauptverhandlung abgegeben. Die sich dort ergebenden Erkenntnisse werden einbezogen.

Wie fließend sind die Übergänge zwischen psychischer Störung und noch gesunder Macke?

Heinrich: Nicht immer ist eine Abgrenzung ganz einfach. In aller Regel lässt sich aber die Frage, ob eine psychische Erkrankung vorliegt oder nicht, klar beantworten.

Was kippt den Schalter um? Welche Umstände lassen Menschen ausrasten wie im Mordfall Neulautern?

Heinrich: Zu dem speziellen Fall kann ich mich nicht äußern. Ganz allgemein ist das Bedingungsgefüge, das zur Entstehung von Straftaten führt, sehr vielschichtig.

Haben Sie sich schon einmal bei einem Gutachten geirrt. Und ist es nicht ein extrem schwieriges Unterfangen, wie man so sagt, jemandem in den Kopf zu schauen?

Heinrich: In den Kopf eines Menschen kann auch ein Psychiater nicht schauen. Trotzdem gelingt es bei Berücksichtigung aller Informationen und des psychiatrischen Befundes, ein valides gutachterliches Urteil abzugeben. Sorgfältige und gründliche Arbeitsweise und eine gute Aus- und Weiterbildung − Zertifikat Forensische Psychiatrie DGPPN, Schwerpunkt Forensische Psychiatrie − sowie Erfahrung helfen, die Gefahr von Irrtümern möglichst gering zu halten.

Zur Person: Thomas Heinrich

Der 47-Jährige arbeitet als Chefarzt am Klinikum Weissenhof in Weinsberg. Er leitet dort die Klinik für Suchttherapie. Von Beruf ist er Facharzt für Neurologie und Psychiatrie – Psychotherapie, forensische Psychiatrie, so die offizielle Bezeichnung. Thomas Heinrich (Foto: privat) gilt als erfahrener Gutachter. Er erstellt schon seit mehr als 20 Jahren psychiatrische Expertisen für Gerichte. Seit 22 Jahren ist Heinrich im Weinsberger Weissenhof beschäftigt. mut