Wichtige Spur nicht zu Ende ermittelt?

Heilbronn - Die Polizistenmord-Soko hat bis heute die Quelle eines Informanten nicht überprüft, um ihn zu schützen

Von Helmut Buchholz

Spur nicht zu Ende ermittelt?
Polizisten hängen Fahndungsplakate am Heilbronner Bahnhof auf: Die Ermittlungen nach dem Polizistenmord im April 2007 auf der Theresienwiese führten in die Sackgasse. Das Verbrechen ist immer noch nicht aufgeklärt.Foto: Archiv/Dirks

Heilbronn - Für die Polizistenmord-Sonderkommission beim Landeskriminalamt ist die Sache längst erledigt. Für manche Ermittler jedoch nicht. Sie sprechen von einer wichtigen Spur zu den möglichen Tätern, die bis heute − fast drei Jahre nach dem Verbrechen auf der Heilbronner Theresienwiese − nicht ausreichend ermittelt ist.

Was war geschehen? Vor rund eineinhalb Jahren hat sich ein Mann bei der Soko gemeldet. Seine Behauptung: Ihm habe jemand geschildert, wer das Verbrechen auf der Theresienwiese verübt habe. Da er selbst wegen des Verdachts des Menschenhandels in Untersuchungshaft saß, erhoffte er sich durch seine Hilfe bei der Aufklärung des Polizistenmordfalls ein Entgegenkommen der Justizbehörden. Solche Anfragen von Häftlingen gab es damals öfter. Meist erwiesen sich diese Aussagen als nutzlos. Doch in diesem speziellen Fall war es anders. Die Ermittler räumten der Spur Priorität ein und sicherten dem Mann Vertraulichkeit zu. Dass die Polizistenmordfahnder ihm mehr Glauben als anderen Hinweisgebern schenkten, kam nicht von ungefähr. Die Fahnder erhielten Namen und Details.

Unwissentlich gestört

Der wichtige Zeuge aus dem Gefängnis erzählte diese Version: Als die Bereitschaftspolizistin Michéle Kiesewetter und ihr Kollege im April 2007 in ihrem Streifenwagen auf der Theresienwiese Mittagspause machen wollten, störten sie unwissentlich das Waffengeschäft eines hochrangigen Roma. Der hielt die Streife für die Vorhut eines Polizeieinsatzes gegen ihn. Und so beschloss er, sich den Fluchtweg vom Tatort freizuschießen. Eine Frau aus dem Gefolge dieses Roma soll die Polizisten abgelenkt haben, indem sie mit einem Kind vor ihnen "herumhampelte". So konnten sich zwei Schützen anschleichen und den Polizisten von hinten in den Kopf schießen.

Was ist dran an dieser Geschichte? Nichts, meint das Landeskriminalamt. "Wir haben diese Spur umfangreich im In- und Ausland ermittelt", erklärt LKA-Sprecher Horst Haug. Allerdings wurde nie die Person befragt, von der diese Tatversion ursprünglich stammt, obwohl Name und Aufenthaltsort von Anfang an bekannt waren. Ein Versäumnis? "Nein", so Haug, "Wir wollten eine Gefährdung unseres Hinweisgebers ausschließen."

Damals nahmen die Fahnder an, dass es sich bei der Frau, von der der Hinweisgeber sprach, um das Phantom handele. Doch auch nachdem diese sich als unbescholtene Mitarbeiterin im Herstellerbetrieb für Wattestäbchen entpuppt hatte, ermittelten die Soko-Fahnder bis Sommer 2009 weiter. Ohne positives Ergebnis. Um den Hinweisgeber weiterhin zu schützen, blieb seine Quelle bis heute unbehelligt.

Andere Meinung

Nach Informationen unserer Zeitung gibt es jedoch innerhalb der Polizei und den Strafverfolgungsbehörden auch andere Meinungen. Diese Fahnder sagen: "Die Spur ist nicht ausermittelt." Und: Möglicherweise würde eine Befragung der Infoquelle ja weitere Ermittlungsansätze liefern.

Für den Hinweisgeber hat sich die Zusammenarbeit mit der Polizei jedenfalls gelohnt. Der Heilbronner Amtsrichter Thomas Berkner verurteilte ihn im Januar zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und setzte sie zur Bewährung aus. Ein ungewöhnlich mildes Urteil für Menschenhandel. Während der Verhandlung hatte der Richter die "Aufklärungshilfe" gelobt, die der Angeklagte im Polizistenmordfall geleistet hatte.

Schüler-Befragungen

Bis jetzt hat die Polizistenmord-Soko mehr als 200 Rückmeldungen –teilweise mit Fotomaterial – von 395 Schülern, die sie im Februar schriftlich um Mithilfe bei der Fahndung gebeten hatte. Viele Gymnasiasten feierten am 25. April 2007 im Heilbronner Wertwiesenpark eine Abi-Fete – etwa einen Kilometer vom Tatort des Verbrechens auf der Theresienwiese entfernt. „Doch bis jetzt hat sich keine heiße Spur durch die Rückmeldungen ergeben“, berichtet Horst Haug, Sprecher des Landeskriminalamts in Stuttgart.