Von der Liebe zum Blauen Turm

Region - Um zu ihrer Wohnung zu gelangen, muss Blanca Knodel 134 Stufen erklimmen

Von Claudia Kostner

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Region - Von hier oben hat man einen anderen Blickwinkel, bekommt eine andere Sichtweise auf die Dinge." Seit 15 Jahren wohnt Blanca Knodel im Blauen Turm, hoch über Bad Wimpfen. Wenn sie sich mal aufregt, dann geht sie noch 33 Stufen weiter nach oben, auf den Aussichts-Umgang und denkt: "Wie klein und schön die Welt doch ist."

Als sich die Ur-Wimpfenerin 1996 entschloss, die erste Türmerin Deutschlands zu werden, tauschten die geschiedene Mutter von drei Kindern − damals zwölf, zehn und neun Jahre alt − eine Sechs-Zimmer-Wohnung mit 160 Quadratmetern gegen die mietfreien 53 Quadratmeter "in unverbaubarer Wohnlage", die eigentlich nur aus einem Zimmer bestehen.

Clever umgebaut hatte trotzdem jeder sein kleines Reich: Mit Spanplatten abgetrennt bekam Sohn Robin vier Quadratmeter für sich. Die Töchter Isabel und Katja schliefen in der Nische über dem "Büro". "Da war manchmal schon Action. Aber wir haben alles überstanden und der Turm steht auch noch", denkt Blanca Knodel zurück. Den Kindern gefiel"s: "In der Schule war es die Attraktion: Katja wohnt auf dem Turm!", erzählt die 24-jährige Tochter, die jetzt in der Schweiz lebt und gerade zu Besuch ist. Die räumliche Enge habe die Familie noch mehr zusammengeschweißt. "Ich war wie die Glucke im Adlerhorst, hoch oben über der Stadt mit ihren Jungen", sagt ihre Mutter.

Tom-Tom

Genau 58,75 Meter hoch ist der Blaue Turm. In der Wohnung auf etwa 26 Metern Höhe lebt Blanca Knodel inzwischen nur noch mit ihrem "Lebensgefährten", Kater Tom-Tom. "Wir sind hier total glücklich", sagt die 59-Jährige. Besonders das Wetter erlebt sie ganz intensiv. Wenn es stürmt und schneit, blitzt und donnert, sitzt sie mit einem Glas Wein in ihrem "Kaminzimmer" vor dem elektrischen Feuer und macht es sich mit Tom-Tom gemütlich. Nach dem Großbrand 1984 wurde ein modernes Blitzschutzsystem installiert, seither kann so ein Gewitter dem Wahrzeichen der Stauferstadt endlich nichts mehr anhaben.

Gastfreundlich

Langweilig wird es Blanca Knodel nicht. Von früh bis spät kommen Touristen, um an der "Mautstelle" Eintritt zu bezahlen. "Sie wohnen hier?" Diese erstaunte Frage hört die Türmerin oft. Wer möchte, wird hereingebeten in die heimelige Stube. Mit dem Klavier, das "zwei Mann in sieben Minuten hochgetragen haben". Mit Gugelhupf-Formen und Stichen der Stauferstadt an der Wand. Mit Puppen, Teddys, Büchern. Mit der Foto-Ahnengalerie der ältesten Familie der Stadt: "Mit uns fangen die Kirchenbücher an", sagt die geborene Vörg, die viele Jahre in Spanien lebte, stolz.

Auch prominente Gäste hat sie ab und an: "Kürzlich war ein US-Vize-Admiral aus Brüssel zum Kaffeetrinken da. Mein ältester Besucher war fünfundneunzigeinhalb Jahre alt." Ob bekannt oder nicht: Blanca Knodel "babbelt" mit jedem, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Kein Wunder, wenn man "im Kräuterweible gezeugt, geboren und aufgewachsen ist", der bekannten Wimpfener Hähnchen-Wirtschaft.

Die 134 Stufen bis zur Wohnung "springt sie nicht mehr so locker wie noch vor 15 Jahren". Und wenn es keiner sieht, setzt sie sich manchmal selbst auf einen der Stühle im Treppenhaus, die ursprünglich für die "alten Leute" gedacht waren. Es gibt zwar einen Lastenaufzug, aber der geht nicht bis ganz unten. Zum Glück ist Blanca Knodel um Ideen nicht verlegen. Der Zettel mit der Bitte: "Wer den Kasten in den dritten Stock zur Winde hochträgt, bekommt oben ein Freibier", wird eigentlich immer von irgendeinem freundlichen Gast beherzigt.

Den Turm verlässt sie nur ein, zwei Mal in der Woche. Frische Luft tankt sie oben auf "ihren Zinnen". Sie liebt ihr Domizil und will noch mindestens 25 Jahre bleiben, um dann ein Jahr älter zu sein als der bisher älteste Türmer Deutschlands in Nördlingen, auf dem "Daniel". Schwer fallen wird ihr das nicht: "Es ist gerade so, als wenn der Turm 800 Jahre auf mich gewartet hätte."

Immer dienstags stellen wir an dieser Stelle Menschen in ihren besonderen vier Wänden vor. Vorschläge an die Redaktion unter 07131 615281. Nächste Woche: ein Wohnsitzloser.

Im Wahrzeichen der Stadt, erbaut um 1200, lebten bisher 32 Türmer.
Von der Liebe zum Blauen Turm
An ihrer Wohnungstür, der Mautstelle, verkauft die Türmerin "Billettle".
Von der Liebe zum Blauen Turm
Von der Aussicht aufs Neckartal kann Blanca Knodel gar nicht genug bekommen. Auf dem Aussichts-Umgang genießt sie Sonnenauf- und -untergänge, im Sommer frühstückt sie dort oder lässt den Tag bei einem Glas Wein ausklingen.Fotos: Andreas Veigel
Von der Liebe zum Blauen Turm
Blanca Knodels "Music Hall": das Klavier und darüber die Ahnengalerie.

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