Vom Saulus zum Paulus

Jahrelang war er in leitender Position in der Pharmaindustrie, hat gut verdient und bezeichnet sich als Teil „eines schmutzigen Systems“. Jetzt, im Alter von 65 Jahren, wandelt sich der Unterländer John Virapen vom Saulus zum Paulus. In seinem Buch „Nebenwirkung Tod“ prangert er Korruption in der Pharmaindustrie an und zeichnet ein Bild skrupelloser Geschäftspraktiken mit Anti-Depressiva

Von Carsten Friese

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Wie bekannt sind Nebenwirkungen von Medikamenten? Eines steht fest: Bei der Zulassung von Arzneimitteln geht es für die Firmen um Millionengeschäfte.Foto: Colourbox

Jahrelang war er in leitender Position in der Pharmaindustrie, hat gut verdient und bezeichnet sich als Teil „eines schmutzigen Systems“. Jetzt, im Alter von 65 Jahren, wandelt sich der Unterländer John Virapen (Foto: Archiv/Friese) vom Saulus zum Paulus. In seinem Buch „Nebenwirkung Tod“ prangert er Korruption in der Pharmaindustrie an und zeichnet ein Bild skrupelloser Geschäftspraktiken mit Anti-Depressiva. Als Grund für diesen wundersamen Wandel nennt er seinen Sohn, der 2004 auf die Welt kam. Sein ganzes Leben sei da in Gedanken noch einmal an ihm vorbeigezogen.

An dem großen Haus im Landkreis Heilbronn sucht man ein Namensschild vergebens. „Aus Sicherheitsgründen“, wie Virapen sagt. Von hier aus hat er seinen Feldzug gegen sein früheres Leben und seine Ex-Firma gestartet. Seine Waffen: sein Gedächtnis, sein Computer und Dokumente, die „irgendwo auf der Welt“ in einem Banksafe liegen.

Medizinstudium

Virapen ist ein Weltenbummler. Als Nachkomme indischer Einwanderer wurde er in Britisch-Guyana geboren. Medizin studierte er einige Jahre in London, ehe er um die Welt zog und in der Pharmabranche Fuß fasste. Seine heutige dritte Ehefrau ist 26 Jahre jünger als er. An einem Hotelpool hat er sie kennen gelernt und zog Ende der 90er Jahre zu ihr in den Landkreis Heilbronn. Da war sein anderes Leben bereits Geschichte – die Zeit bei Eli Lilly, einem US-Pharmariesen mit Sitz in Indianapolis. Vom einfachen Referenten war Virapen zum Geschäftsführer Schweden aufgestiegen. „Denken Sie an Ihre Karriere“, zitiert er einen Vorgesetzten, als er für das Antidepressivum „Prozac“ erstmals weltweit die Zulassung erwirken sollte.

Bestechungsgeld

Er wusste von fatalen Nebenwirkungen, von Berichten über Selbstmorde von Probanden. Im Buch beschreibt er, wie er jenen schwedischen Wissenschaftler, der die klinischen Studien zu bewerten hatte, mit 20 000 US-Dollar bestach. Lustreisen für Ärzte organisierte er ebenso wie Weinprobierabende. Warum er mitmachte? Virapen zögert. Dann erzählt er, dass er exklusive Autos fuhr, seine Anzüge in Rom anfertigen ließ und teure Restaurants besuchte.

John Virapen

Der 65-Jährige verteufelt die Pharmaindustrie nicht. Er ist Diabetiker und auf Medikamente angewiesen. Als „verantwortungslos“ geißelt er aber Firmen, die Medikamente produzieren, „die nur Symptome lindern, aber 50 Prozent der Anwender schwerste Nebenwirkungen bescheren“. Er will warnen, weil Pharmaunternehmen zunehmend Kinder als Zielgruppe entdeckten. Anti-Depressiva für Kinder? Da sieht der 65-Jährige rot. Und bei der Krankheit ADHS, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom gepaart mit Hyperaktivität von Kindern, stuft er die Pharmaindustrie als Wegbereiter ein, der das Phänomen ins Bewusstsein gepusht habe. „Die Werbung ist erfolgreich. An Schulen und Kindergärten ist die Krankheit so bekannt wie Schnupfen.“

Wie Eli Lilly auf das Buch reagiert? „Lilly prüft die erhobenen Vorwürfe und behält sich rechtliche Schritte vor“, teilt die Kommunikations-Managerin von Lilly Deutschland mit. Sie verweist auf hohe ethische Anforderungen der Firma, auf Geschäftsprinzipien, die auf Qualität, Integrität und Respekt vor den Menschen gründen. Dass Virapen bis Ende der 80er Jahre Geschäftsführer in Schweden war, bestätigt sie. Später sei er in der Niederlassung in Puerto Rico entlassen worden und habe einen Rechtsstreit gegen die Kündigung verloren.

Dr. Bernhard Lasotta, CDU-Landtagsabgeordneter und Anästhesiearzt am SLK-Klinikum Gesundbrunnen, stuft pauschale Korruptionsvorwürfe als veraltet ein. Es könne sich keine Pharmafirma mehr erlauben, in größerem Umfang zu bestechen, weil „es letzten Endes doch rauskommt“.

Anti-Depressiva für Kinder? Die sieht Lasotta „in bestimmen Fällen“ als notwendig an. Er kennt Fälle, in denen Kinder „wieder aufgeblüht sind“. Dass aber „tendenziell zu wenig“ Risikoprofile von Medikamenten erstellt werden, unterstreicht der Arzt.

Verschärft

„Schwarze Schafe gab es und gibt es auch heute noch“, bewertet der Ärztliche Direktor am Weinsberger Klinikum am Weissenhof Korruptionsvorwürfe in der Branche. Aber: Mit dem Anti-Korruptions-Gesetz seien die Richtlinien „zu Recht“ verschärft worden, sagt Dr. Matthias Michel. Dadurch habe sich „gewaltig etwas verändert“. Michel verweist zudem auf sehr strenge Kriterien für Arzneimittelprüfungen in Deutschland. Das von Virapen beschriebene Anti-Depressivum spiele heute keine wesentliche Rolle mehr. Beim anderen Thema, der Diagnose ADHS, sieht Matthias Michel dagegen eine „inflationäre Entwicklung“. Nur Fachärzte könnten die Erkrankung diagnostizieren, mahnt er.



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