Vom Millionenpool zum Aquatoll

Neckarsulm - Seinen inoffiziellen Namen hat das Neckarsulmer Spaßbad weg, bevor es auf den Namen Aquatoll getauft wird: "Millionenpool". Am 7. September 1990 feiert Neckarsulm nach vielen Diskussionen die Einweihung des Bades.

Von Angela Groß

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Volles Haus: Beim ersten Wochenende gab es verbilligte Eintrittskarten. 5000 Besucher kamen, um das neue Bad zu bestaunen und alles mal auszuprobieren. In den ersten beiden Monaten tauchten 83 000 Besucher auf.

Neckarsulm - Seinen inoffiziellen Namen hat das Neckarsulmer Spaßbad weg, bevor es auf den Namen Aquatoll getauft wird: "Millionenpool". Am 7. September 1990 feiert Neckarsulm nach vielen Diskussionen die Einweihung des Bades.

Die Hallenbäder aus den 60er Jahren − quadratisch, praktisch und nüchtern im Grundriss − kommen langsam aus der Mode. "Das Freizeitverhalten der Bürger hat sich stark verändert", registriert Dr. Erhard Klotz, damaliger Oberbürgermeister von Neckarsulm. Die Nichtarbeitszeit werde stärker für Sport, Unterhaltung und Freizeit in Anspruch genommen, erklärt er im März 1986 bei einer Bürgerversammlung in der Ballei. Bis Sauna-Landschaft, Freibecken, Sommerbad, Whirl-Pools, Rutschen, Wildwasserfluss sowie Spaß- und Solebecken in Neckarsulm Badegäste lockten, wird es Herbst 1990. Zuvor macht sich der Gemeinderat auf eine Bäderfahrt, debattiert engagiert über Kosten und Attraktivität. Ein Sonderausschuss für Sport- und Freizeitstätten wird gegründet.

Heilbronn und Neckarsulm lassen in Sachen Bäder die Muskeln spielen. So liebäugelt die Heilbronner CDU mit der Idee, im Stadtteil Frankenbach ein Freizeitbad ins Leben zu rufen. Dann wiederum geht es um ein moderneres Stadtbad am Bollwerksturm. "Wenn wir etwas tun, tun die doch auch etwas", lautet ein schnippischer Kommentar im Neckarsulmer Ratsrund.

Baukosten

Das immer teurer werdende Vorhaben fordert den Gemeinderat. Bei ersten Planungen im Februar 1986 ist noch von 24,5 Millionen Mark die Rede. Auch deshalb wird ein Stuttgarter Büro mit der Bauinvestitionskontrolle beauftragt. In einer Sondersitzung im Februar 1987 vergibt der Gemeinderat für das Freizeitbad mit Erschließung, Außenanlagen und Baunebenkosten einen Kostenrahmen von circa 24 Millionen Mark. Auf der Wunschliste stehen außerdem noch die Sommerfreizeitbadeplatte mit Außenananlage, Sportmöglichkeiten und Sommerrutsche für weitere 2,6 Millionen Mark. Im November 1988 gibt es sogar Kritik vom baden-württembergischen Bund der Steuerzahler. Dieser hat in seinem Schwarzbuch das Bad als "Fass ohne Boden" bezeichnet.

Letztlich kostet das Bad 40 Millionen Mark. Viel Hirnschmalz verwenden Verantwortliche auch für die Kalkulation. Flotte Sprüche sind aus den Planungsjahren verbürgt. So meint der Architekt Dr. Krieger selbstbewusst: "Wenn das Bad fertig ist, werden die Menschen nicht mehr nach Rom, sondern nach Neckarsulm pilgern." Dieter Mörlein, erster Werkleiter des Aquatoll, rechnet mit Betriebskosten von 1,8 Millionen Mark pro Jahr, heute sind es 3,6 Millionen Euro, die hauptsächlich für Personal-, Energie- und Wasserkosten ausgegeben werden. 250 000 Besucher im Jahr sollten es nach damaliger Vorstellung sein, im vergangenen Jahr suchen 438 000 Menschen Entspannung und Ablenkung. 110 Mitarbeiter sorgen hinter den Kulissen dafür, dass der Betrieb läuft. Die Endarbeiten für den "Millionenpool" starten am 8. März 1988. Im Januar 1989 ist bereits das gefiederte Maskottchen gefunden: ein buntschillernder Tukan.

Richtfest

Dann geht es Schlag auf Schlag: Mitte April 1989 wird eine Kassette in den Betonboden auf der Großbaustelle eingelassen. Darin befinden sich ein Prospekt des Jahres 1989, Berichte über die Bauarbeiten und eine Liste aller Gemeinderäte und Verwaltungsmitarbeiter, die an der Entscheidung beteiligt waren. Mitte Oktober folgt das Richtfest für den filigranen Kuppel-Bau. Am 8. September 1990 wird die "Geburt einer neuen Bäder-Generation" gefeiert. Im Sommer ziehen zwei Tukane ins Aquatoll ein. Was ist aus ihnen geworden? Bis 1998 haben die Vögel gelebt − vielleicht brachte die Freizeitstätte der Menschen zu viel Stress für die Tiere. Das Bad ist dem Vögel-Motiv aber treu geblieben, es findet sich auf verschiedenen Materialien wieder. Und zwei der exotischen Pflanzen sind aus der Anfangszeit noch da, die anderen sind dem Klimawechsel zum Opfer gefallen. Badegäste durften Bananen von der großen Palme mit nach Hause nehmen.

Das Badevergnügen soll zum Preis einer Kinokarte zu haben sein − OB Klotz hat es versprochen. Am Anfang kosten 90 Minuten sechs Mark, heute sind vier Stunden für sieben Euro zu haben. Ungefähr so viel wie für eine Kinokarte.

Vom Millionenpool zum Aquatoll
Der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Erhard Klotz (links) und Aquatoll-Architekt Ulrich Bechler gehen baden.Fotos: Hermann Eisenmenger/Archiv

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