Vom Kloster zur Kinderrettungsanstalt

Evangelische Stiftung Lichtenstern hat sich in 175 Jahren zu moderner Behinderteneinrichtung entwickelt

Von Nelli Nickel

Vom Kloster zur Kinderrettungsanstalt
Ein Foto aus dem Jahr 1947. In drei Abschnitten hat sich das Gelände verändert. Zwischen 1965 und 1966 kam der erste Neubau. Die zweite Bauphase war den 70er Jahren. Im dritten Abschnitt wurden Werkstatt und Schule gebaut.

LÖwenstein - Im Jahr 1836 war das Zisterzienserinnen-Kloster Lichtenstern in Löwenstein in einem Zustand, in dem es fast vollends zerfallen wäre. Drei Menschen wollten das nicht zulassen: der Arzt und Dichter Justinus Kerner, Stadtpfarrer Johann Helger und Carl August Zeller. Die engagierten Männer gründeten einen Verein und eine Stiftung zum Kauf von Lichtenstern und richteten auf dem Gelände eine Kinderrettungsanstalt ein. "Lichtenstern hat eine wechselvolle Geschichte", sagt Stiftungsleiterin Sybille Leiß. In diesem Jahr feiert die evangelische Einrichtung für Menschen mit Behinderung ein Jubiläum: 175 Jahre Diakonie in Lichtenstern.

Ein guter Grund, um zurückzublicken. Das tun die Mitarbeiter und Bewohner mit vielen Veranstaltungen. Eine Ausstellung zur Geschichte, Vorträge, Konzerte und vieles mehr stehen auf dem Programm. Höhepunkt des Festjahres wird das Sommerfest am 26. Juni sein. Denn: Vieles hat sich in den vergangenen 175 Jahren getan. Doch das Sommerfest ist etwas, das bestehen geblieben ist, betont Leiß.

Rückblick Mit dem Einzug der ersten Kinder in das Rettungshaus ging alles los. "Es war eine Zeit, in der es viele arme und verwahrloste Kinder gab", erzählt Leiß. Mit den Kindern kamen auch die Lehrer. Und so wurde 1839 eine Armenschullehrer-Bildungsanstalt gegründet. 100 Jahre später zählten die Verantwortlichen bei der Jubiläumsfeier 1082 Jungen und 500 Mädchen sowie 557 Schullehrerzöglinge, die in Lichtenstern bis dahin gelebt hatten.

Auch die Löwensteiner Bevölkerung suchte Zuflucht auf dem Klostergelände, nachdem die Stadt im Zweiten Weltkrieg am 14. April 1945 zerstört wurde.

1963 kam die Umwandlung in ein Behindertenheim. Am 24. April zogen 13 junge geistig behinderte Heimbewohner und der künftige Heimleiter Pfarrer Oswald Vierling mit seiner Frau und mit einigen Mitarbeitern nach Lichtenstern.

Das Gelände veränderte sich. Gebäude kamen hinzu. Es entstanden Bewohner- und Mitarbeiterhäuser, Schule und Werkstatt. Auch eine Sporthalle und ein Schwimmbad gibt es hier. "Lichtenstern ist mit seinen Bewohnern gewachsen", sagt Pfarrerin Leiß. Aus Kindern wurden Jugendliche, dann Erwachsene und Senioren. Auf diese Umstände musste die Einrichtung reagieren, neue Angebote erschließen.

Wohnformen Heute ist die moderne Einrichtung breit aufgestellt und bietet verschiedene Wohnformen an. Einst waren es 300, jetzt sind es 186 Menschen, die auf dem Areal in Löwenstein leben, dazu 79 in Friedrichshof in Obersulm-Eichelberg, 34 im Haus am Ziegeleipark in Heilbronn. 63 Menschen sind im gemeindeintegrierten Wohnen untergebracht.

"Lichtenstern ist eine Komplexeinrichtung", sagt Manfred Kammerer, Mitglied der Stiftungsleitung. "Wir haben vielfältige Angebotsstrukturen und nutzen die Synergieeffekte." Kammerer freut sich über die rasante Entwicklung, welche die Behinderteneinrichtung genommen hat. Die Finanzierung läuft hauptsächlich über die öffentliche Hand. Die Angebote von vollstationär bis ambulant werden durch die Eingliederungshilfe getragen. Um besondere Vorhaben zu finanzieren, etwa das kürzlich gestartete Autismusprojekt, greift die Institution auf Geld aus der Stiftung zurück.

Vom Kloster zur Kinderrettungsanstalt
Dort, wo sich 1954 noch die Klostergärten befanden, wurden später die ersten Bewohnerhäuser errichtet.Fotos: Evangelische Stiftung Lichtenstern