Täter ahmen andere oft nach

Lauffen - "Viele Amokläufer haben sich im Vorfeld sehr intensiv mit anderen Taten beschäftigt", sagt Carsten Höfler. "Und oft ahmen sie die Handlungsmuster nach." Der Leiter des Polizeireviers Lauffen leitet aus dieser Erkenntnis eine generelle Forderung ab: Medien sollten "sachlich, nüchtern, mit möglichst wenigen Details zum Tathergang" über einen Amoklauf berichten.

Von Thomas Dorn

Lauffen - "Viele Amokläufer haben sich im Vorfeld sehr intensiv mit anderen Taten beschäftigt", sagt Carsten Höfler. "Und oft ahmen sie die Handlungsmuster nach." Der Leiter des Polizeireviers Lauffen leitet aus dieser Erkenntnis eine generelle Forderung ab: Medien sollten "sachlich, nüchtern, mit möglichst wenigen Details zum Tathergang" über einen Amoklauf berichten.

Masterarbeit

Der 35-Jährige, seit Oktober 2010 Polizeichef im Zabergäu und Leintal, beruft sich auf Fakten, die er selbst recherchiert hat. Für seine Masterarbeit an der Deutschen Hochschule der Polizei hat er sich im vergangenen Jahr intensiv mit dem Thema "Der Nachahmungseffekt von Amoktaten" auseinandergesetzt. Er hat den Forschungsstand skizziert, hat selbst untersucht, wie in regionalen, überregionalen und Boulevardzeitungen berichtet wurde, wie intensiv Einflussfaktoren für potenzielle Nachahmer in Zeitungen abgebildet sind.

Vor wenigen Wochen wurde seine Arbeit als Buch veröffentlicht. Und demnächst wird er vor Bürgermeistern, Schulleitern und leitenden Polizeibeamten in Lauffen referieren, bei der von ihm initiierten Tagung "Amok und Medien". Im Falle eines Falles "sollten sie wissen, was Informationen bewirken können".

Aus der Suizidforschung ist das Thema Nachahmung schon lange bekannt, Stichwort: "Werther-Effekt". Goethes trauriger Held diente im 18. Jahrhundert vielen jungen Männern als Vorbild für ihren Freitod. Ähnliches zeigt die Amokforschung. Ein Beispiel: Bastian B. (18), der 2006 an der Realschule in Emsdetten fünf Menschen verletzte, ehe er sich selbst tötete, hatte sich intensiv mit Eric Harris beschäftigt, Täter des Massakers an der Columbine High School (USA). "Eric Harris ist Gott", notierte er in seinem Tagebuch. "Es ist erschreckend, wie ähnlich Eric mir war. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich sein Leben noch mal leben."

"Je mehr, je detaillierter über die Täter berichtet wird, umso mehr Parallelen können sie entdecken zu ihrem eigenen Leben." Höfler spricht von "kleinen Bausteinen, die anregen, selbst zur Tat zu schreiten". Weil es den Tätern vor allem darum gehe, berühmt zu werden, fände es Höfler am besten, wenn nur die Folgen der Tat aufgezeigt würden: Was hat sie in der Schule, im Umfeld angerichtet? Auf Details über den Täter würde er dagegen verzichten: kein Foto, keinen Namen, keine Infos über Vorlieben, Abneigungen.

Zwiespalt

Und die Pressefreiheit? Das berechtigte Interesse der Menschen an umfassender Information? "Sicher ist die Forderung in der heutigen Medienlandschaft nicht sehr realistisch", räumt Höfler ein. "Einbringen muss man sie trotzdem."

Carsten Höfler: "Der Nachahmungseffekt von Amoktaten − Wie Polizei und Zeitungen mit ihrer Verantwortung umgehen", Verlag für Polizeiwissenschaft (ISBN 978-3-86676-148-3).