Stolpersteine im Alltagstrott

Heilbronn - Zehn auf zehn Zentimeter groß funkelt seit gestern eine Messingplatte im Pflaster der Kaiserstraße gleich bei der Kilianskirche. Sie soll Passanten zum Stolpern - zu kurzem Innehalten bewegen. „Hier wirkte Otto Igersheimer“ steht auf dem sogenannten Stolperstein. Er erinnert an den jüdischen Bankdirektor, der im Mai vor 67 Jahren aus Heilbronn verschleppt und in Auschwitz ermordet worden ist.

Von Gertrud Schubert

Stolpersteine im Alltagstrott
Klein, aber auffallend: die Messingplatte für Otto Igersheimer.

Heilbronn - Zehn auf zehn Zentimeter groß funkelt seit gestern eine Messingplatte im Pflaster der Kaiserstraße gleich bei der Kilianskirche. Sie soll Passanten zum Stolpern - zu kurzem Innehalten bewegen. „Hier wirkte Otto Igersheimer“ steht auf dem sogenannten Stolperstein. Er erinnert an den jüdischen Bankdirektor, der im Mai vor 67 Jahren aus Heilbronn verschleppt und in Auschwitz ermordet worden ist.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig kniet auf dem Boden, rührt ein bisschen Beton an, setzt den kleinen Gedenkstein auf den Sand, misst immer wieder, ob er auch schön eben liegt. Tausende solcher Stolpersteine hat er in Deutschland schon „gepflanzt“. Nach Heilbronn ist er auf Einladung der 10d der Dammrealschule gekommen. Mitten in den Ferien vollenden die Schüler ihr Projekt, es war der letzte mögliche Termin, bevor sie ihre Schule verlassen.

Klasse fordert Projekt

Die Klasse forderte das Projekt. „Heilbronn soll auch Stolpersteine haben.“ Das setzten sich die 24 Jugendlichen in den Kopf. Völlig erschüttert waren sie im letzten Sommer von einem viertägigen Workshop in Buchenwald heimgekehrt. Der Bericht einer alten Zeitzeugin hatte sie zutiefst berührt. Als sie dann von Demnigs Erinnerungssteinen hörten, mussten sie nicht lange diskutieren. Geschichtslehrerin Victoria von Bernus ist vom Interesse und Engagement der Zehner noch immer völlig fasziniert.

14 Lebensläufe von Juden aus Heilbronn haben sie rekonstruiert. Hans Frankes Buch über jüdische Schicksale war die Basisinformation, im Staatsarchiv Stuttgart und Stadtarchiv Heilbronn suchten sie Details. Dass sie am Ende drei Leben auswählen mussten, fiel den Schülern entsetzlich schwer. „Da gibt es kein schlimmer“, beschreibt Nina Erlewein (18) die Qual. Doch nur drei Stolpersteine à 100 Euro ließen sich über Brötchenverkauf auf dem Pausenhof finanzieren.

Stolpersteine im Alltagstrott
Gunter Demnig klopft den Gedenkstein in ein Betonbett im Pflaster vor der Kilianskirche. Im Hintergrund beobachten Dammrealschüler, wie ihr Projekt vollendet wird. Sie hoffen auf Nachahmer.Fotos: Guido Sawatzki

Erinnerung

Außer an Otto Igersheimer erinnern die Stolpersteine an Sofie Reis - im Bürgersteig der Rollwagstraße beim Behördenzentrum, und an Siegfried Gumpel - vor dem Haus Gartenstraße 50. Die jüdische Geschäftsfrau hatte eine Web- und Weinwarenhandlung am Fleiner Tor. Sie hatte 1936 zwei ihrer bereits ausgewanderten Kinder in Palästina besucht, kam selbst noch einmal heim nach Heilbronn, um ihre Vermögensverhältnisse zu klären - und konnte der Deportation nicht mehr entkommen. Sie wurde 1942 im Todeslager Maly Trostinec umgebracht. Siegfried Gumpel war ein bedeutender Rechtsanwalt, Vorstand der jüdischen Gemeinde und Gemeinderat. Schon 1938 wurde er während der Novemberpogrome inhaftiert. Später ermöglichte er vielen Juden die Flucht - unter Verzicht auf seine eigene Rettung. Sein Leben endete brutal in Dachau.

Würdigung

Gertraud Jansen ist extra aus Öhringen zur Stolpersteinverlegung gekommen. Kein Film, kein großes Denkmal, „diese neue Art des Nicht-Vergessens“ findet sie überzeugend. Dankbar beobachtet die Heilbronnerin Elsbeth Schönberger (85) das Schülerprojekt: „Das bewegt mich sehr.“ Und Bürgermeister Harry Mergel lobt den „neuen Akzent in der Erinnerungskultur unserer Stadt.“

Hintergrund: Kleine Gedenksteine

1997 begann der Kölner Künstler Gunter Demnig sein „Kunstprojekt für Europa“. Inzwischen hat er über 20.000 Stolpersteine verlegt. Allein in Stuttgart erinnern 400 solcher Gedenksteine an die Vertreibung und Vernichtung von Bürgern der Stadt während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In 446 Orten in Deutschland liegen Stolpersteine, auch in Künzelsau und Schwäbisch Hall. Seit gestern sind drei in Heilbronn. ger