Schlechte Leben in gute verwandeln

Region Heilbronn - Seit zehn Jahren setzt sich Silke Anders für den Tierschutzverein Heilbronn ein. Als Vereinsvorsitzende treibt sie den Tierheimneubau voran.

Von Reto Bosch

Heilbronn - Wenn Wendy doch nur reden könnte. Die 14-jährige Mischlingshündin weicht jenem Menschen nicht von der Seite, der an der Spitze des Tierschutzvereins Heilbronn steht. Sie könnte viel über den Menschen Silke Anders, vor allem auch über die Tierfreundin Silke Anders berichten. Die Eberstädterin selbst schätzt es gar nicht, über ihre Person Auskunft geben zu müssen. "Es geht doch um die Tiere." Doch die Menschen müssen erfahren, warum ein ehrenamtlicher Vereinsvorstand ungeheuer viel Arbeit in den Betrieb eines alten und den Bau eines neuen Tierheims investiert. Dieses Argument lässt Silke Anders zwar irgendwie gelten. Zum Porträt willigt sie aber nur ein, weil es der Sache dienen könnte.

Schlechte Leben in gute verwandeln

"Man kann alles verändern. Man muss es nur wollen."

Silke Anders

Sachen: Genau dazu zählen laut Bürgerlichem Gesetzbuch auch Hunde, Katzen, Papageien. Der berufliche Kopfmensch Anders nähert sich dieser Frage emotional. "Schon als kleines Kind habe ich Tiere geliebt, ich wollte immer einen Hund." Seit zehn Jahren setzt sich die heute 45-Jährige für den Tierschutzverein Heilbronn ein, zunächst als Gassi-Geherin, seit ein paar Jahren als Vorsitzende. "Es war niemand anderes da." Dass der Verein damals unter häufigen Personalwechseln leidet, dass er mit ernsthaften Imageproblemen kämpft, hält sie nicht davon ab, Verantwortung zu übernehmen.

Belastung

Ihre freiwillige Arbeit konfrontiert die ledige Frau mit unzähligen Schicksalen. Geschlagene Hunde, verätzte Tieraugen, verwahrloste Katzen. Derartige Eindrücke können zweierlei Reaktionen auslösen: Kapitulation als Selbstschutz oder die Einsicht, sich noch stärker zu engagieren. Silke Anders wählt den zweiten Weg. "Man kann alles verändern. Man muss es nur wollen." Vielleicht lässt sich Silke Anders Antrieb, ihre Motivation in diesen zwei Sätzen zusammenfassen. Ergänzt durch das Verhalten ihrer Schützlinge. "Tiere geben sehr viel zurück."

Hundertfaches Leid vor Augen geführt zu bekommen, belastet die Psyche. Ebenso die Ohnmacht in den zahlreichen Fällen, wo der Verein aus rechtlichen Gründen nicht einschreiten darf − obwohl Silke Anders genau weiß, es aber nicht beweisen kann, dass ein Hund regelmäßig eine Treppe hinuntergeworfen wird. "Das ist frustrierend." Dazu kommt eine immense zeitliche Belastung. Samstags, sonntags und feiertags ist die Vorsitzende in der Regel vor Ort. "Außerdem komme ich drei bis vier mal die Woche abends ins Tierheim." Etwa drei Stunden täglich widme sie in den eigenen vier Wänden der Tierschutzarbeit.

Zu Silke Anders Stärken gehört nicht unbedingt der Umgang mit ehrenamtlichen Helfern, auf die der Verein angewiesen ist. Das räumt die 45-Jährige ein. Dazu wirkt sie zu fordernd, in manchen Fällen zu undiplomatisch, vielleicht auch zu ungeduldig. Wer tagsüber als Diplom-Chemikerin Raketentests beim Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum betreut, erwartet auch abends strukturiertes und eigenständiges Arbeiten − was manchen Freiwilligen zuweilen überfordern mag.

Finanzierung

Doch andererseits ist fraglich, ob der Verein das mit einem Volumen von vier Millionen Euro wohl größte Tierheimprojekt im Land schultern könnte, wenn er nicht von einer Vorsitzenden wie Silke Anders geführt würde. Sie selbst wiegelt ab: "Wir haben ein gutes Team." Anders ist sicher, die Herkulesaufgabe bewältigen zu können. "Vor einiger Zeit hatte schließlich auch niemand geglaubt, dass die Finanzierung machbar ist." Die Stadt Heilbronn und die Landkreiskommunen jedenfalls vertrauen diesem Vorstand, was Kompetenz, was Verlässlichkeit angeht. Sichtbar wird dies an den Finanzierungszusagen. Zu vernehmen ist dies bei Hintergrundgesprächen mit den kommunalen Verantwortlichen.

Wertigkeit

Würde sie das neue Tierheim als Krönung ihrer ehrenamtlichen Arbeit verstehen? Silke Anders schaut etwas ratlos drein. Derart pathetische Kategorien spielen für sie überhaupt keine Rolle. "Mir ist wichtig, dass damit eine gewisse Wertigkeit des Tierschutzes demonstriert werden kann." Und ganz praktisch gesehen: "Wir brauchen bessere Bedingungen, das Hundehaus ist kurz vor dem Zusammenbruch."

Wenn Wendy reden könnte, würde sie über die Zeit berichten, bevor Silke Anders in ihr unwürdiges Leben getreten ist. Wendy symbolisiert die tägliche Aufgabe eines Tierheims: aus schlechten, wieder gute Leben zu machen. Eine Aufgabe, die der Verein, die Silke Anders der Gesellschaft abnehmen.


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