Radfahren aus Leidenschaft

Linda Eiler ist Weltmeisterin in ihrer Altersklasse W 50 − 16 000 Trainingskilometer

Von Friedhelm Römer

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"Den nötigen Schliff hole ich mir immer im Mai in der Emilia Romagna."

Linda Eiler

Leingarten - Wenn man es sich mit Linda Eiler nicht gleich zu Beginn verscherzen will, spricht man sie lieber nicht auf das Alter an. Doch erstens sieht man der Leingartenerin ihre 50 bei weitem nicht an, und zweitens hat sie kürzlich eine Leistung gezeigt, von der selbst deutlich jüngere nur träumen können: Linda Eiler ist Rad-Weltmeisterin in ihrer Altersklasse W 50, feierte ihren Titel vor rund zweieinhalb Wochen im belgischen Stavelot. "Das ist ein tolles Gefühl, wenn man das Weltmeister-Trikot tragen darf", sagt die dynamische Sportlerin.

In den vergangenen Jahren blieb der WM-Titel ein Traum. Denn bisher wurde der Wettbewerb in St. Johann in Tirol ausgetragen, auf einer vornehmlich flachen Strecke. Und gegen die Sprinter war sie chancenlos. Doch die zierliche Linda Eiler mit ihren 52-Kilogramm Gewicht fühlt sich in welligem oder sogar bergigem Gelände viel wohler. "Deshalb habe ich mir für dieses Jahr einiges ausgerechnet."

Lieblingstouren 16 000 Kilometer fährt Linda Eiler in einem Jahr mit dem Rad: sechs Monate Rennrad, sechs Monate Mountainbike. Das heißt fünfmal pro Woche kräftig in die Pedale treten. Meistens sind es Strecken um die 100 Kilometer, "manchmal fahre ich aber auch 200 Kilometer im Odenwald". Der Odenwald und die Löwensteiner Berge sind ihre Lieblingsreviere. "Aber den nötigen Schliff hole ich mir immer im Mai in der Emilia Romagna." Dort kommt sie pro Tag auf bis zu 3500 Höhenmeter.

Neben dem SV Leingarten hat sie sich auch dem RC Pfeil Neckarsulm angeschlossen. Dieser zahlt ihr schließlich die nötige Lizenz. Dienstags ist Linda Eiler mit den Neckarsulmern unterwegs, mittwochs mit den Leingartenern und samstags mit ihrem Heilbronner Fahrradhändler. In ihren Trainingsgruppen fühlt sie sich sehr wohl. "Allerdings gibt es sonst nicht mehr viele Männer, Frauen ohnehin nicht, die mit mir fahren wollen", erzählt sie und lacht: "Das muss ich mir nicht geben", winken potenzielle Trainingspartner schnell ab. Dabei gehe sie ihren Sport keineswegs verbissen an: "Ich trinke gerne einen Cappuccino und brauche meinen Kuchen. Wenn ich mir das nicht mehr leisten kann, hat das keinen Wert mehr." Dabei hat sie erst spät angefangen. "Mit 39 habe ich mein erstes Rennen gefahren." Da waren ihre beiden Töchter schon im Teenie-Alter. Die Erfolge stellten sich schnell ein, und Linda Eiler steckte sich höhere Ziele: "Ich habe immer mehr gewollt. Dafür muss ich etwas tun." Ihre Arbeitszeiten kommen ihr bei dem aufwendigen Hobby entgegen. Sie beginnt um 22.30 Uhr im Versand bei der Heilbronner Stimme in der Austraße und arbeitet bis drei Uhr früh.

Nachtmensch Glücklicherweise ist sie ein Nachtmensch. Die Gegebenheiten versetzen sie in die Lage, sich den Tag frei einzuteilen. Ihr Mann will vom Radfahren nichts wissen. Und so bereitete sie sich dieses Jahr gezielt vor: fuhr auf dem Nürburgring ein Jedermannrennen über 150 Kilometer in der "Grünen Hölle" mit einem langen 20-prozentigen Anstieg, setzte sich in einem schweren Qualifikationsrennen in den belgischen Ardennen über 175 Kilometer und 2000 Höhenmetern mit steilen Rampen in ihrer Altersklasse durch und wurde im Juni Vize-Europameisterin in Tschechien. An dem Weltmeister-Trikot des Weltverbandes UCI hat Linda Eiler übrigens Gefallen gefunden: "Im nächsten Jahr will ich meinen Titel verteidigen."