Piraten haben Platz eins gekapert

Region - Dieser flotten Jolle können die Besatzungen schwerer Parteitanker nur traurig hinterherschauen: Die Piraten haben Platz eins gekapert beim Wettrennen darum, welche Partei beim Mitgliederzuwachs mit dem Wind segelt.

Von unserer Redakteurin Iris Baars-Werner

Piraten haben Platz eins gekapert
Union und Sozialdemokraten haben als Volksparteien noch immer die Nase vorn, wenn es um die absoluten Zahlen der Parteimitglieder geht. Allerdings stellen Piraten und Grüne sie beim prozentualen Zuwachs in den Schatten.Foto: dpa

Region - Dieser flotten Jolle können die Besatzungen schwerer Parteitanker nur traurig hinterherschauen: Die Piraten haben Platz eins gekapert beim Wettrennen darum, welche Partei beim Mitgliederzuwachs mit dem Wind segelt. Noch im September 2011 dümpelten sie im Stadt- und Landkreis Heilbronn mit 45 Mitgliedern vor sich hin, im Januar 2012 hat die Partei der politischen Neulinge flott Fahrt aufgenommen: Gerade hat sie die Marke 103 passiert.

Ansturm

Kreisvorsitzender Sebastian Sproesser geht nicht davon aus, dass die Piratenpartei an dieser Stelle vor Anker gehen wird. Der Ansturm, der gleich nach der Berlin-Wahl auch in der Stadt Heilbronn und im Landkreis auf die Piraten einsetzte, hat leicht nachgelassen, "aber es kommen immer wieder Leute dazu". Womöglich sind es auch mehr als 103: Man hat gerade einen Datenhänger. Eine professionellere Software wird installiert.

Sinkende Mitgliederzahlen sind auch bei den Grünen kein Thema: Mehr als 20 Prozent Zuwachs in den vergangenen zwei Jahren hat die Zahl der Mitstreiter bei knapp unter 200 ankommen lassen. Stuttgart 21 und der Regierungswechsel im Land sind für Pressesprecherin Friedrike Wilhelm die Gründe. "Der andere Politikstil und das sympathische Auftreten Winfried Kretschmanns" sind für die langjährige grüne Frontfrau weitere Erklärungen.

Trend

Piraten und Grüne liegen damit im Bundestrend, den jüngst eine Emnid-Umfrage ermittelte. Die beschied: Nur diese beiden Parteien legen zu. So ist das auch in der Region Heilbronn: Ob CDU, SPD, FDP oder Linke − sie alle verlieren in Summe Parteimitglieder.

Mit 110 Mitgliedern weniger als im Jahr 2009 ist die CDU in Stadt und Kreis Heilbronn jetzt bei 2259 angekommen. Sie führt das Feld der trotz Rückgang mitgliederstarken Volksparteien an. Eigentlich muss man die 258 Mitglieder der Jungen Union (JU) hinzuzählen. Dort ist man nicht automatisch Mitglied der Mutterpartei CDU − anders als bei den Sozialdemokraten: Jusos haben immer ein SPD-Parteibuch.

Nicht Unzufriedenheit mit der Bundes- oder Landespolitik, keiner der Politikschwenks von Kanzlerin Angela Merkel sind für den CDU-Kreisvorsitzenden Bernhard Lasotta Hauptgründe für den Schwund. Die Demografie macht der Union zu schaffen: Die Altersstruktur der Partei bringt es mit sich, dass Tod der häufigste Grund für das Erlöschen einer Mitgliedschaft ist. Dass die CDU wieder mehr Jüngere anspricht, sieht Lasotta auch in der veränderten Haltung der Partei zu Familienpolitik und Kinderbetreuung begründet. Bernd Sepbach aus der CDU-Geschäftsstelle hat einen weiteren Grund ausgemacht: Karl-Theodor zu Guttenberg brachte junge Leute − sie blieben auch nach seinem Fall.

Bandbreite

"Der Trend geht wieder Richtung Eintritte", ist Josip Juratovic zufrieden, obwohl seine SPD seit 2009 140 Austritte und 74 Todesfälle verzeichnete, aber nur 129 Eintritte. Die Große Koalition in Berlin hat der Partei geschadet, ist der Bundestagsabgeordnete und Kreisvorsitzende überzeugt. Ob Hartz IV oder Rente mit 67, "die Reformprozesse waren nicht einfach für die SPD". Außerdem: Eine Volkspartei müsse immer "die ganze Bandbreite abdecken", die Piraten könnten sich auf die populären Themen stürzen.

Juratovic vertritt die Sozialdemokraten im Landkreis Heilbronn, der Kreisverband Heilbronn-Stadt ist organisatorisch davon getrennt. Dessen Vorsitzender Rainer Hinderer kann sich über 607 Mitglieder freuen − im Jahr 2009 waren in Heilbronn-Stadt nur 511 SPD-Mitglieder registriert.

Karteileichen

Positiv gestimmt trotz bundes- und landesweit schlechter Zahlen sind die Liberalen. Der Heilbronner Kreisvorsitzende Richard Drautz ist nach dem Hype vor der Bundestagswahl, die der FDP einen Mitgliederzuwachs bescherte, ausgesprochen zufrieden mit den jetzt 309 Mitgliedern. "Gegen den Trend" sieht er die FDP im liberalen Stammland.

Mit 129 Parteigenossen startete 2010 das neue Mitgliederdatenprogramm der Linken in Stadt und Landkreis Heilbronn. Nach einem Zwischenhoch ist man wieder bei 122 angelangt − dafür nach einer Bereinigung der Listen "ohne Karteileichen" wie Florian Vollert erzählt.