Nachschubprobleme beim Württemberger

Region - Die Finanzkrise ist überwunden, die Wirtschaft boomt und die Konjunkturaussichten sind gut. Es gibt aber auch Branchen, bei denen nicht alles glatt läuft: zum Beispiel die Weinwirtschaft. So ist das Marktvolumen in Deutschland im dritten Jahr in Folge zurückgegangen.

Von Kilian Krauth

Region - Die Finanzkrise ist überwunden, die Wirtschaft boomt und die Konjunkturaussichten sind gut. Es gibt aber auch Branchen, bei denen nicht alles glatt läuft: zum Beispiel die Weinwirtschaft. So ist das Marktvolumen in Deutschland im dritten Jahr in Folge zurückgegangen: 2010 in der Menge um 0,7 Prozent, im Wert um 2,9 Prozent; deutscher Wein verlor gar fünf und 5,7 Prozent. In Württemberg kam mit dem Jahrgang 2010 der kleinste Herbst seit 25 Jahren hinzu, dem 2011 nach den aktuellen Frostschäden mutmaßlich ein noch kleinerer folgen dürfte.

Unter diesen Vorzeichen lädt die Württembergische Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) am heutigen Mittwoch zur 62. Generalversammlung nach Möglingen. Für Gesprächsstoff ist hinreichend gesorgt. Wie WZG-Vorstandschef Dieter Weidmann bereits gestern durchblicken ließ, verkaufte das Flaggschiff der Trollinger-Republik 2010 vier Prozent weniger Wein als 2009, nämlich 32,79 Millionen Liter. Der Umsatz ging wegen gemäßigter Preiserhöhungen nur um zwei Prozent auf 85,4 Millionen Euro zurück. Für das laufende Jahr rechnet Weidmann in Menge und Wert mit einem leichten Plus von einem Prozent.

Nachschubprobleme beim Württemberger

"Ich warne davor, das Instrument der Preiserhöhungen beliebig weiter zu spielen."

WZG-Chef Dieter Weidmann

Der Rückgang in 2010 rühre zur Hälfte von Discountlieferungen, die ins Jahr 2011 verschoben wurden, zur anderen Hälfte von fehlenden Weißweinmengen. Weidmann warnt die Wengerter deshalb eindringlich, weitere weiße Reben durch rote auszutauschen, die jetzt schon 75 Prozent der Württemberger Gesamtrebfläche stellen. Der WZG werden 2011 1,5 Millionen Liter Riesling Co. fehlen, 2012 wegen der Frostschäden voraussichtlich bis zu drei Millionen Liter.

Ertragsausfall

Insgesamt rechnet man in Württemberg durch die Frostschäden mit einem Ertragsausfall von 40 Prozent, beim Roten von über 30 Prozent, beim Weißen von 50 Prozent. Kaum Schaden genommen hat die wichtigste schwäbische Rebsorte, der Trollinger.

Nachdem die Preise für den 2010er wegen höherer Stückkosten im Februar anzogen, warnt Weidmann "dieses Instrument beliebig weiter zu spielen". "In der Folge könnten wir angesichts des großen Konkurrenzdrucks noch mehr Regalmeter verlieren." Nicht ausschließen will er 2012 in der Möglinger Zentralkellerei, die 150 Mitarbeiter hat, Kurzarbeit. "Was in der Industrie üblich ist, kann bei uns nicht anrüchig sein, wenn es Arbeitsplätze sichert." Den Zukauf von Wein aus anderen Regionen schließt Kellermeister Edmund Diesler für die WZG aus. Man verkaufe 93 Prozent über den Lebensmittelhandel, also LEH, und stehe dort für "Kompetenz im Qualitätsweinbereich".

Preis pro Flasche

Die Kunden zahlten im LEH 2010 für eine 0,75-Liter-Flasche Württemberger 2,85 Euro (Vorjahr 2,88), für deutschen Wein 2,07 Euro (2,11) und für Wein aus aller Welt nur 1,89 Euro (1,91).

Süßer Knaller

Der Anteil an 0,75-Liter-Flaschen bei der WZG beträgt 32 Prozent. Tendenz steigend. Um 13 Prozent zugelegt hat die Rebsortenlinie mit Weinen zwischen 3,49 und 3,99 Euro. Die um 70 Cent teuerere Gourmet-Linie verlor. Als "Knaller" entpuppte sich die neue Marke "süß fruchtig": 2009 waren die ersten 200 000 Flaschen ruckzuck vergriffen, 2010 verkaufte man 673 000 Flaschen und 2011 dürften es doppelt so viele sein. Stark im Kommen ist auch weiß gekelterter Rotwein, also Blanc de Noir, der aber nur ansatzweise die großen Weißweinlücken schließen könnte.

Daten und Fakten

Die Württembergische Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) mit Sitz in Möglingen erfasst Trauben von insgesamt 2258 Hektar Rebfläche, 100 weniger als 2009 (Württemberg gesamt: 11 500). 23 WGs liefern dort einen Teil ab, 20 kleinere WGs alles. Im Jahrgang 2010 lag die Ausbeute mit 15,03 Millionen Liter 38 Prozent unter dem langjährigen Mittel. 2011 könnten es noch weniger sein. Der Zehn-Jahres-Schnitt sind 24,2 Millionen Liter, die Rekordernte von 1982 brachte 48,5 Millionen Liter, die bisher kleinste in 1985 nur 6,2 Millionen Liter. Die Bilanzsumme der WZG liegt 2010 bei 89,8 Millionen Euro. kra