Muss die Förderschule ihren Namen wechseln?

Heilbronn - Die Stadt Heilbronn lässt von einem unabhängigen Zeithistoriker Wilhelm Hofmanns NS-Aktivitäten überprüfen.

Von Gertrud Schubert

Muss die Förderschule ihren Namen wechseln?
Seit 1982 trägt die Förderschule in Böckingen den Namen des Rektors und Professor für Sonderschulpädagogik. Foto: Guido Sawatzki

Heilbronn - Er gilt als geschätzter, von vielen bewunderter Wegbereiter der Sonderschulpädagogik in Baden-Württemberg. Nicht nur an seinem Wirkungsort Heilbronn trägt eine Förderschule seinen Namen. Doch ist Wilhelm Hofmann (1901 bis 1985) jetzt wegen seiner Reden und Aufsätze während der NS-Zeit in Misskredit geraten. Die Stadt Heilbronn hat einen unabhängigen Zeithistoriker beauftragt, noch einmal Wilhelm Hofmanns Leben und Wirken zu erforschen.

War Wilhelm Hofmann "nicht nur ein Mitläufer, sondern auch ein Mittäter"? Die Frage gilt es vor allem anderen zu klären, sagt Schulbürgermeister Harry Mergel. Erst wenn die Ergebnisse der erneuten Forschung vorliegen, soll über das weitere Verfahren entschieden werden. Mergel: "Bis dahin gilt auch für Herrn Hofmann: im Zweifel für den Angeklagten."

Seit 1937 leitete Wilhelm Hofmann die Heilbronner Hilfsschule. Er war Ortsgruppenschulungsleiter der NSDAP, fuhr als sogenannter Kreisredner über die Dörfer und hielt Vorträge über Themen wie "nationalsozialistische Bevölkerungs- und Rassenpolitik im Kriege". In Aufsätzen propagierte Hofmann, geistig behinderte Kinder nicht mehr zu beschulen. Stattdessen machte er sich für eine "Leistungs- und Gesittungsschule" stark.

Schockiert

Muss die Förderschule ihren Namen wechseln?
So kannte man ihn. Hofmann bekam zahlreiche Auszeichnungen.Foto: Archiv


Lore Hofmann, die Witwe des 1985 in Heilbronn verstorbenen Professors Wilhelm Hofmann, war tief betroffen, als sie anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Pestalozzischule in unserer Zeitung von den Vorwürfen gegen ihren Mann las: "Ich finde das einfach trostlos. Sein ganzes Leben lang hat sich mein Mann für die Kinder und für ihre Eltern aufgeopfert."

Gerhard Eberle, emeritierter Professor für Sonderpädagogik, kann diese Reaktion auf seine Recherchen durchaus nachvollziehen. "Auch ich bewundere Hofmann in Teilen heute noch, fühle mich aber rückblickend enttäuscht von ihm. Warum hat er über die Dinge nicht gesprochen?" Die Nachkriegsgeneration habe geschönt, was nur zu schönen war.

Eberle will Licht ins Dunkel der braunen Jahre der Sonderpädagogik bringen. Schon einmal hat er sich mit einer renommierten Persönlichkeit seines Fachs befasst, mit Christian Hiller. In der Folge hat sich 2007 eine Stuttgarter Sonderschule von ihrem Namensgeber distanziert und heißt jetzt nach der sozialdemokratischen Mitbegründerin der Lebenshilfe Helene-Schoettle-Schule.

Fundierte Arbeit
 
"Wir halten die Arbeit von Gerhard Eberle für fundiert", sagt Bürgermeister Harry Mergel. Im Staatsarchiv Ludwigsburg, im Stadtarchiv Heilbronn und im Bundesarchiv in Berlin hat der Heidelberger Professor unter anderem die Fakten zusammengetragen. Peter Wanner, stellvertretender Direktor des Stadtarchivs, bestätigt ihm: "Er hat sorgfältig gearbeitet." Eberles Arbeit soll als Dokumentation veröffentlicht werden.

Im Grunde habe der Wissenschaftler Fakten und Daten zusammengestellt, wie sie in der Stadtchronik Band 4 und 5 veröffentlicht sind. Dabei formte sich ein Bild, das mit dem wenig übereinstimme, das Wilhelm Hofmann in der Nachkriegszeit von sich vermittelt habe. Wanner: "Auf das Phänomen stoßen wir immer wieder."