„Moscheen müssen sichtbarer werden, dann sieht man, wie viele Muslime es hier gibt“

Heilbronn - An der Stelle, wo auf amtlichen Formularen die Religion vermerkt ist, wird bei Erdinc Altuntas „sonstige“ angegeben. Dass in naher Zukunft dort „muslimisch“ eingetragen werden darf, dass der Islam also in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannt wird, ist ein Ziel des 36-jährigen Heilbronners. Er ist jetzt zum Vorsitzenden aller 90 württembergischen Ditib-Moscheevereine gewählt worden. Franziska Feinäugle sprach mit ihm über die Unsichtbarkeit der Moscheen in Heilbronn und über Pläne, das zu ändern.

Email
Heilbronn - An der Stelle, wo auf amtlichen Formularen die Religion vermerkt ist, wird bei Erdinc Altuntas „sonstige“ angegeben. Dass in naher Zukunft dort „muslimisch“ eingetragen werden darf, dass der Islam also in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannt wird, ist ein Ziel des 36-jährigen Heilbronners. Er ist jetzt zum Vorsitzenden aller 90 württembergischen Ditib-Moscheevereine gewählt worden. Franziska Feinäugle sprach mit ihm über die Unsichtbarkeit der Moscheen in Heilbronn und über Pläne, das zu ändern.

Sie sind jetzt Vorsitzender von 90 Ditib-Moscheen - eine Funktion, die es so bislang nicht gab. Was hat es mit dem neuen Amt auf sich?

Erdinc Altuntas: Um als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, muss man eine Struktur haben, transparent organisiert sein und feste Ansprechpartner für Landesregierung und Landeskirchen nennen können. Bis 2008 sind alle 890 deutschen Ditib-Moscheevereine zentral von Köln aus gelenkt worden, Anfang 2009 fiel der Beschluss, auf Landesebene zu gehen. Mitte März wurde der Ditib-Landesverband Baden-Württemberg gegründet, der sich in die Regionalverbände Stuttgart und Karlsruhe gliedert. Für die württembergische Seite wurde ich zum Vorsitzenden gewählt.

Der Islam als anerkannte Religionsgemeinschaft: Wann könnte dieses Ziel erreicht sein?

Altuntas: Das hängt von vielen Faktoren ab. Mein Wunsch wäre, in den nächsten Jahren. In Baden-Württemberg leben rund 600.000 Muslime. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen im Land sich diesem Glauben zugehörig fühlen, wäre es schon an der Zeit.

Wenn die sechs Heilbronner Moscheen besser als Moscheen erkennbar wären, was wäre im Bewusstsein der Bevölkerung anders als jetzt?

Altuntas: Den Menschen wäre bewusst, wie viele Muslime es hier gibt. Viele kennen selbst unsere Moschee nicht, die mitten in der Stadt liegt, gegenüber des K 3. Viele denken, wir seien bloß ein paar hundert. Dabei hat in Heilbronn jeder Zehnte den muslimischen Glauben. Die Moscheen müssen sichtbarer werden, raus aus den Hinterhöfen.

Wenn irgendwo eine neue Moschee gebaut werden soll, gibt es meist Streit, so wie jetzt in Oberstenfeld.

Altuntas: Das ist leider Gottes schiefgelaufen. Ich habe das Gefühl, dass dort das Umfeld nicht richtig oder zu spät einbezogen worden ist. Kirchen, Mitbürger, Nachbarn und Kommunalpolitiker müssen frühzeitig an den Planungen beteiligt werden: Das rate ich jedem, der eine Moschee bauen möchte. In Oberstenfeld hat man nun auf die Minarette verzichtet, die Kuppel wird kleiner. Was ich, ehrlich gesagt, sehr traurig finde.

Braucht eine Moschee ein Minarett?

Altuntas: Ein Minarett ist ein symbolisch wichtiger Teil einer Moschee. Und es ruft immer Standardängste und -vorurteile hervor. Dabei heißt ein Minarett ja nicht, dass dort fünfmal täglich zum Gebet gerufen wird. Die Moschee in der Heilbronner Goppeltstraße hat ein Minarett. Es stört keinen. Dass das damals möglich war, zeigt, dass Heilbronn und seine Bürger auf dem richtigen Weg sind.

Sie planen auch an der Weinsberger Straße eine sichtbarere Moschee. Wie wird sie aussehen?

Altuntas: Wir sind erst ganz am Beginn der Planungen. Wir möchten etwas Schönes errichten, was das Stadtbild bereichern wird. Etwas, das Elemente einer Moschee hat, aber die Architektur kann ganz modern sein. In Mannheim gibt es mitten in der Innenstadt eine Moschee, da kommen Touristen aus ganz Deutschland, weil sie wissen: Diese Moschee muss man gesehen haben. Unser Gotteshaus stelle ich mir modern vor, mit Glasfassaden. Moscheen sollen ins Leben der Stadt hinein, sollen transparent sein. Das ist ein Teil unserer Gesellschaft, auch wenn es viele noch verdrängen.

Glauben Sie, dass diese Heilbronner Pläne für Streit sorgen werden?

Altuntas: Auf den ersten Blick mag das manche erschrecken, sie könnten das Gefühl haben, sie würden nun von Muslimen überrannt. Dabei sind wir als Moschee schon seit 22 Jahren hier. Alles wird zu klein, das Gebäude ist am Ende. Wir wollen es abreißen und etwas Repräsentatives für die Stadt hinstellen.

Viele Ängste rühren daher, dass Islam mit Extremismus gleichgesetzt wird.

Altuntas: Das sind schwarze Schafe, eine Minderheit, an einer Hand abzuzählen. Aber sie beschädigen den Namen aller Muslime. Das sind kranke Menschen, die in falsche Hände geraten sind. Der Islam verurteilt jede Gewalt. Da müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit leisten. Die Bevölkerung muss so weit kommen, dass sie, wenn so etwas wie der 11. September passiert, sagt: „Wir wissen, der Islam ist nicht so. Wir kennen unsere Muslime.“ Dazu können unsere Moscheen beitragen, als Treffpunkte, die für alle Menschen und Religionen offen sind.