Löst Laie Rätsel um Himmelsscheibe?

Neckarsulm - Ein Amorbacher Kaufmann entwickelt eine Kalenderthese, schreibt wissenschaftlich anerkannte Aufsätze und dreht einen Film. Er ist überzeugt: Er hat eine Maßeinheit gefunden, die der Konstruktion der Scheibe zugrunde liegt.

Von Sara Furtwängler

Neckarsulm - In Mathe war er schon immer gut. Denksportaufgaben reizen ihn. Mit Astronomie hatte der Übersetzer und Kaufmann aus Neckarsulm aber noch nichts zu tun gehabt. Bis er eines Tages, es war der 11. Oktober 2008, in der Kinderstimme unserer Zeitung eine Abbildung der Himmelsscheibe von Nebra gesehen hat. Eine etwa 3600 Jahre alte Abbildung des Himmels, die als einer der wichtigsten Funde aus der Bronzezeit gilt. Inzwischen hat er ein Buch über sie verfasst, schreibt wissenschaftlich anerkannte Aufsätze und dreht gerade einen Film über seine Erkenntnisse. Hat ein astronomischer Laie die Himmelsscheibe von Nebra decodiert?

Sieben Sterne

"Schon auf der Abbildung in der Heilbronner Stimme habe ich vier Gruppen à sieben Sterne erkannt", sagt Thomas Lorenz. "Da dachte ich mir, das kann kein Zufall sein. Die Scheibe ist konstruiert, hat eine Funktion." Er kritzelt erste Ideen auf das Foto in der Zeitung. Am folgenden Tag besucht Lorenz mit seiner Frau das Städtische Museum in Heilbronn, wo die Himmelsscheibe damals ausgestellt war. Dort kauft er ein Buch über den historischen Fund und liest über Theorien einer astronomischen Funktion. Doch niemand erwähnt die vier Gruppen mit je sieben Sternen, die für vier Wochen stehen könnten, also einen Monat, abgeleitet aus den vier Mondphasen. Lorenz ist mit dem Entdeckervirus infiziert.

Auf einem im Museum erstandenen Poster zeichnet er mit durchsichtigem Papier und Zirkel Kreise, misst Abstände zwischen den Figuren. Schließlich ist er überzeugt: Er hat eine Maßeinheit gefunden, die der Konstruktion der Scheibe zugrunde liegt. Das Verblüffende: Das ist eine neue Erkenntnis. "Ich konnte selbst kaum glauben, dass das noch niemand vor mir so gesehen hat", sagt Lorenz. "Ich habe es meiner Familie erzählt, auch einem befreundeten Professor der Physik." Überall sei die Reaktion die gleiche gewesen, man habe seine Erklärung verstanden. Er forscht weiter.

Schließlich glaubt er, die Himmelsscheibe mittels der Maßeinheit von gerundet 1,3 Zentimeter als tagesaktuellen Sonne-Mond-Kalender entschlüsselt zu haben. Hatten die Menschen fast 2000 Jahre vor Christus etwa schon einen Kalender, der in Grundzügen dem unseren entspricht? Lorenz ist fasziniert. "Ich dachte, in Mitteleuropa sind die Menschen zu dieser Zeit noch mit Keulen durch die Gegend gerannt", sagt er. Auch wenn hier keine Pyramiden gebaut worden seien, Geometrie und Arithmetik mussten gut beherrscht gewesen sein.

Die These: Im Umkreis der Scheibe liegt ein Jahreskreis mit 360 Tagen. Die vier Goldapplikationen, um die sich die Sterngruppierungen ansammeln, deutet Lorenz als die vier Mondphasen: Neumond, zunehmender Mond, Vollmond und abnehmender Mond. Mittels Geometrie werde die Scheibe als Kalender lesbar, der sogar die Synchronisierung der Zyklen von Sonne und Mond ermöglichte. Diese These wendet er auch auf andere Objekte und Bauwerke an. Das wohl berühmteste: Stonehenge. "Auch hier, bei den Jahrhunderte älteren Steinkreisen, ergeben die Zeit- und Zähleinheiten der Himmelsscheibe einen Kalender mit mathematisch identischer Zeitrechnung", sagt Lorenz. "Das ist im Grunde sehr einfach", sagt der selbständige Kaufmann immer wieder, wenn er die für Außenstehende eigentlich ganz schön komplizierte Herleitung seiner These erklärt.

Experte

Die wissenschaftlichen Arbeiten des Neckarsulmers betreut ein Experte, der pensionierte Professor Wolfhard Schlosser, der an der Uni in Bochum unterrichtete. Er sagt: "Ich habe alle Arbeiten von Herrn Lorenz mit großem Interesse gelesen. Er liefert Erkenntnisse, die von der Wissenschaft diskutiert werden." Einiges sei sehr plausibel, zum Beispiel das von ihm gefundene Maß 1,3 Zentimeter. Andere Details der These böten aber noch wissenschaftlichen Diskussionsstoff.

Lorenz sieht seinen Beitrag zur Wissenschaft mit dem Film als abgeschlossen an. Er hofft, dass die Experten seine These aufnehmen und weiterentwickeln: "Wenn sie dazu beiträgt, die Kultur unserer Vorfahren besser zu verstehen, wäre ich zufrieden."

Details der Kalenderthese