Kurioser Gerichtsfall: Die weite Reise eines Fingerabdrucks

Warum der 21-jährige Jan Krebs aus Cleebronn zu unrecht wegen Diebstahls und Betrugs angeklagt wurde – und wie sich alles aufklärte

Von Adrian Hoffmann

Freigesprochen: „Ich hasse gelbe Briefe“, sagt Jan Krebs.Foto: Adrian Hoffmann

Brackenheim - 2004 wird in Kaufland-Filialen im Großraum Bochum 31 Mal mit einer geklauten EC-Karte eingekauft, für 4079 Euro. Zwei Jahre später, Ende 2007, bekommt Jan Krebs aus Cleebronn einen gelben Brief – die Gerichtsvorladung: Auf einem der für die Klärung dieses Falls entscheidenden Lastschrift-Beleg mit gefälschter Unterschrift ist sein Fingerabdruck aufgetaucht. Er wird angeklagt, muss vors Brackenheimer Amtsgericht. Dort bestreitet er alles – und das, obwohl es gar keine plausible Erklärung geben kann, warum sein Fingerabdruck auf einem der Belege gefunden wurde. Oder doch? Jetzt ist Jan Krebs, 21 Jahre alt, freigesprochen worden. Eine kuriose Geschichte, die kaum besser zeigen könnte, wie der Zufall sein Spielchen treibt.

Jeder zweifelte

Die Polizei nimmt die Fingerabdrücke von Jan Krebs in ihre Kartei, weil er 2006 bei einer Straftat erwischt wird. „Eines habe ich gelernt: Wer einmal aktenkundig ist, ist immer aktenkundig“, sagt Krebs heute. Durch den nachträglichen Datenabgleich kommen die Ermittler aus Bochum irgendwann auf die Spur in Cleebronn. Krebs muss es gewesen sein, der 2004 die Handtasche einer Frau mit dem Rasiermesser aufgeschnitten und EC-Karte samt Bargeld gestohlen hat. Die Sache scheint so gut wie aufgeklärt. Wenn da nicht Jan Krebs unaufhörlich behaupten würde, er sei nie in Bochum gewesen. „Wo ist Bochum überhaupt?“, fragt er.

Nachdem er zunächst auf eine Reihe von Zeugen verwiesen hat, fordert Verteidiger Werner Gutbrod ein Gutachten an, das alle 31 Lastschrift-Belege erneut auf Fingerabdrücke überprüft. „Ich war manchmal selbst am Zweifeln“, sagt Gutbrod. Doch was der Gutachter ans Tageslicht bringt, ist erstaunlich: Nur auf einem der Belege findet sich der Fingerabdruck von Krebs. Noch erstaunlicher: Auf allen Belegen gibt es Fingerabdrücke einer weiteren Person – höchstwahrscheinlich die des wahren Täters. Richter Michael Maier hatte es gewittert, dass da etwas nicht stimmen kann. „Plötzlich hat alles zusammengepasst.“

Jan Krebs lieferte ein wasserdichtes Alibi. Am 7. Dezember 2004 begann um 15.15 Uhr sein Fahrschulunterricht. Am 7. Dezember 2004 um 15.19 Uhr wurde in Bochum eingekauft, vom unbekannten Täter – auf diesem Beleg ist später auch der Mittelfingerabdruck von Krebs. „Ich habe eigentlich auf die Frage gewartet, ob ich mit meinem Fahrlehrer nach Bochum gefahren bin“, sagt Jan Krebs und lacht.

Wenn er einen anderen Beruf ergriffen hätte, wäre vielleicht alls anders gekommen. Er ist gelernter Drucker, und als Drucker hat er auch mit sogenanntem Endlospapier zu tun. Die Polizei schließt es in dem neuen Gutachten nicht aus, dass der Fingerabdruck von Jan Krebs bereits bei der Verarbeitung, also in einer Druckerei, auf das Papier gekommen ist. „Dass es solch irre Zufälle gibt“, sagt Richter Maier, „das ist hochinteressant.“ So etwas habe er noch nicht erlebt.

Der Staat übernimmt die Rechtskosten. „Ich hasse gelbe Briefe“, sagt Krebs. Wann der nächste Brief eintrifft, weiß er nicht. Kommt wohl darauf an, wo das nächste Mal seine Fingerabdrücke gefunden werden. Kommentar „Pech gehabt?“