Kirche stellt sich der Kritik und erntet Applaus (07.12.2010)

Heilbronn - Er habe alle wichtigen Museen der Welt gesehen und stellt sich als "wiedergeborener Heilbronner" vor. Nun steht Michael Merkle im Mittelgang der Kilianskirche, mahnt zur Rückbesinnung auf "unsere deutsche, altehrwürdige Kultur", nennt die neuen Entwürfe "zwar schön, aber postmodern und nicht passend".

Von Kilian Krauth

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250 Bürger nahmen elf Entwürfe für die neuen Kunstfenster in Augenschein. Die meisten spendeten Applaus, es gab aber auch kritische Stimmen.Foto: Dittmar Dirks

Heilbronn - Er habe alle wichtigen Museen der Welt gesehen und stellt sich als "wiedergeborener Heilbronner" vor. Nun steht Michael Merkle im Mittelgang der Kilianskirche, mahnt zur Rückbesinnung auf "unsere deutsche, altehrwürdige Kultur", nennt die neuen Entwürfe "zwar schön, aber postmodern und nicht passend", um schließlich zu fragen: Warum restauriert man nicht einfach die alten? Merkle ist einer von 250 Bürgern, die am Sonntagabend der Präsentation neuer Kilianskirchenfenster beiwohnten.

Seit die Heilbronner Stimme die Glaskunst von Bernhard Huber und Xenia Hausner Ende November exklusiv abgedruckt hatte, scheiden sich vor allem an den figürlichen Motiven Hausners die Geister. Kirche und Förderverein nahmen dies zum Anlass für einen Infoabend. Während die meisten Besucher mit viel Applaus die Kunst und die erklärenden Worte von Vereinschef Hans Hambücher, Prälat Hans-Dieter Wille sowie den Jurymitgliedern Gunther Stilling, Peer Friedel und Reinhard Lambert Auer quittieren, melden sich am Mikrofon und beim abschließenden Empfang im Chorraum auch Kritiker zu Wort.

Kirche stellt sich der Kritik und erntet Applaus
Im Kirchenschiff will Xenia Hausner mit figürlichen Darstellungen die Farbigkeit des Lebens abbilden. Im Zentrum steht eine Art Lebensschiff.Fotomontagen: Peer Friedel

Keine Steuern

Nach Merkles Einwurf gibt Auer zu bedenken, dass eine Rekonstruktion nur die Kunstauffassung des 19. Jahrhunderts widerspiegeln würde. Mit der modernen Glaskunst wolle man aber "eine zeitgemäße Aussage treffen, so wie es Generationen zuvor auch getan haben". Warum man die Fenster überhaupt erneuere? Weil es sich nur um Nachkriegs-Provisorien handle. Im Übrigen würden für die Finanzierung des auf eine Million Euro bezifferten Projektes keine öffentlichen Gelder oder Kirchensteuern verwendet, sondern ausschließlich Spenden, so Hambücher.

Ulrich Rank wundert sich, dass der international angesehene einheimische Glaskünstler Raphael Seitz nicht um einen Entwurf angefragt wurde. Man habe sich tatsächlich "auch mit ihm beschäftigt", sagt Auer, "so wie mit vielen anderen auch". Letztlich habe man sich aber darauf verständigt, "andere Ansätze" einzuladen: für den Chor die Abstrakten Bernhard Huber, Günter Grohs und Karl-Martin Hartmann, fürs Kirchenschiff zwei Gegenständliche, Hausner und Max Uhlig. "Warum wir manche Künstler ablehnten? Das möchte ich hier wirklich nicht sagen," so Auer.

Als ein Besucher wegen der Informationspolitik Parallelen zu "Stuttgart 21" zieht, betont Dekan Otto Friedrich: Die Entwürfe seien nach einem sorgfältigen, dreijährigen Findungsprozess zuletzt im Engeren Rat und vom Förderverein einmütig abgesegnet worden.

Keine Blamage

Hannelore Thorwartl stößt sich an Stillings Aussage, Heilbronn würde sich bei der Ablehnung Hausners "wieder mal" blamieren. Der streitbare Stilling bleibt dabei. Die Künstlerin genieße "weltweit höchstes Ansehen. Wenn wir die abgelehnt hätten, wäre das eine Blamage, ein Schildbürgerstreich."

 

Auf hohem Niveau

Die Heilbronner Kilianskirche nimmt in der Kunstgeschichte einen hohen Rang ein: durch den ältesten Renaissanceturm nördlich der Alpen und durch den Schnitzaltar von Hans Seyfer. Wohl ab 2012 will der Verein für die Kilianskirche elf neue Kunstfenster installieren. Nach intensiver Vorarbeit hat man sich auf zwei Künstler festgelegt: Bernhard Huber soll mit sechs abstrakten Mosaiken im Chorraum den Hochaltar besser in Szene setzen. Xenia Hausner hatte für fünf Fenster im Kirchenschiff freie Hand. Ihre figürlichen Entwürfe sehen manche kritisch. Sie selbst spricht von einer Art Flügelaltar. Er zeige den Lebensfluss mit Höhen und Tiefen.