Kein Kind wird abgewiesen

Region - In welche weiterführende Schule kommt mein Kind? Vor dieser bangen Frage standen die Eltern der Viertklässler jedes Jahr. Doch dieses Mal ist es anders: Nicht mehr die Grundschule entscheidet, wo die Schulkarriere eines Kindes weitergeht. Die Eltern haben die Wahl – und die Verantwortung.

Von unserer Redakteurin Gertrud Schubert

Kein Kind wird abgewiesen
Die Viertklässler − hier in der Silcherschule Heilbronn − bekommen keinen Freifahrschein in Gymnasium oder Realschule. Die Bildungsempfehlung ist nur nicht mehr verbindlich.Foto: Guido Sawatzki

Region - In welche weiterführende Schule kommt mein Kind? Vor dieser bangen Frage standen die Eltern der Viertklässler jedes Jahr. Doch dieses Mal ist es anders: Nicht mehr die Grundschule entscheidet, wo die Schulkarriere eines Kindes weitergeht. Die Eltern haben die Wahl − und die Verantwortung. Was aber passiert, wenn alle 4252 Viertklässler in Stadt und Landkreis Heilbronn plötzlich in Realschule und Gymnasium angemeldet werden?

Vor Weihnachten herrschte noch große allgemeine Verunsicherung. Zwar hatte der Landtag wie schon im Frühjahr im Koalitionsvertrag angekündigt, Anfang Dezember das Schulgesetz geändert. Die Grundschulempfehlung ist − wie das Wort sagt und wie in allen Bundesländern außer Bayern − nur noch eine Empfehlung. Doch was folgt der angekündigten, intensiven Beratung der Eltern von Viertklässlern?

Mit den jetzt einsetzenden Elterninfoabenden wird Gelassenheit einkehren, hoffen die Verantwortlichen im Staatlichen Schulamt Heilbronn. Eine Broschüre mit Leitfaden für das Eltern-Lehrer-Gespräch wird demnächst verteilt. Der Zeitplan steht. Am Mittwoch und Donnerstag, 28. und 29. März, melden die Eltern ihre Kinder in der Schulart ihrer Wahl an.

Empfehlung bleibt

Ein Missverständnis räumt Schulrätin Irene Lengle von vorneherein aus: Es gibt selbstverständlich weiter eine Grundschulempfehlung, die Klassenkonferenz macht einen schriftlichen Vorschlag, welche weiterführende Schulart sie für geeignet hält. Maßgabe dafür ist nach wie vor der Notenschnitt − 2,5 reicht fürs Gymnasium, 3,0 für die Realschule − aber auch Entwicklung, Lernverhalten und die Potenziale des Kindes werden berücksichtigt. Diese Bildungsempfehlung ist Bestandteil des Beratungsgesprächs.

Die weiterführenden Schulen erfahren bei der Anmeldung nicht, welche Empfehlung das Kind hat. "Wir erhalten erbärmlich wenig Information", zeigt sich Angela Droste, die geschäftsführende Schulleiterin der Gymnasien in Heilbronn, bestürzt.

"Die Verantwortung der Eltern wächst", schildert Schulrat Michael Ledermann die neue Lage. Die wenigsten werden die Empfehlung der Lehrer blindlings ignorieren. Angela Droste sagt es so: "Ich vertraue darauf, dass die Eltern großes Vertrauen in die Grundschulen haben." Deren Trefferquote sei ja in der Vergangenheit "enorm hoch" gewesen.

Abwarten

"Wir warten ab, bis Ende März die Zahlen auf dem Tisch liegen", der leitende Schulamtsdirektor Wolfgang Seibold verspricht, dass kein Kind abgewiesen wird: "Die Organisation folgt dem Elternwunsch." Allerdings macht Seibold einen Unterschied zwischen der Schulart und Wunschschule. Wer die Realschule will, wird sein Kind nicht in einer Werkrealschule wiederfinden. Doch kann es sein, dass − vor allem in der Stadt Heilbronn − die auserwählte Schule zu viele Interessenten hat. Dann wird die Entfernung zwischen Wohnort und Schule ausschlaggebend, aber eben nicht länger der Notenschnitt.

Im Landkreis Heilbronn sieht Seibold kaum Probleme, weil Real- und Werkrealschulen häufig nahe beieinander liegen, wenn beide Schularten angeboten sind. Da kann bei Bedarf kurzerhand eine zusätzliche Realschulklasse aufgemacht werden. In Heilbronn werden wohl einige Realschulaußenklassen gebildet werden müssen − sie sind nicht am Hauptstandort der Schule.

Hauptschullehrer werden künftig verstärkt in der Realschule unterrichten. Schulrat Günter Sauter sieht das sehr positiv, weil gerade sie große Erfahrung mit unterschiedlich leistungsstarken Schülern haben. Er weiß von den Ängsten in der Realschullehrerschaft, ihre Schulart könnte ihr Profil nicht halten. Andere Lehrer indes wollten sich der Herausforderung stellen.

Keine Selektion

"Im Mittelpunkt steht das Kind", betont Sauter, was so viele Schulen in ihrem Leitbild festgeschrieben haben. Das bedeute auch, dass nicht nach zwei Jahren Realschule Schüler mit schlechten Noten nach unten abgeschoben werden, nach dem alten Motto: "Dieses Kind passt nicht zu uns." Irene Lengle sieht im ganzen Verfahren ein Umdenken: "Integration statt Selektion."