Keim befällt Schwerstkranke: SLK-Klinik schließt Intensivstation

Heilbronn - So etwas hat Professor Uwe-Schulte-Sasse noch nicht erlebt. Der Ärztliche Direktor der Heilbronner SLK-Klinik am Gesundbrunnen spricht von einem „radikalen Schnitt“, nachdem auf der Operativen Intensivstation der Klinik erstmals bei Schwerstkranken der Keim Acinetobacter baumanii nachgewiesen wurde. Weil der Keim gegen Antibiotika resistent ist, stellt er für im Abwehrsystem hochgradig geschwächte Patienten eine große Gefahr dar.

Von Carsten Friese

So sieht der Acinetobacter baumanii unterm Mikroskop aus.


Heilbronn - So etwas hat Professor Uwe-Schulte-Sasse noch nicht erlebt. Der Ärztliche Direktor der Heilbronner SLK-Klinik am Gesundbrunnen spricht von einem „radikalen Schnitt“, nachdem auf der Operativen Intensivstation der Klinik erstmals bei Schwerstkranken der Keim Acinetobacter baumanii nachgewiesen wurde.

Quarantäne

Weil der Keim gegen Antibiotika resistent ist, stellt er für im Abwehrsystem hochgradig geschwächte Patienten eine große Gefahr dar. Deshalb hat die Klinikleitung die Notbremse gezogen. Sie hat zwei betroffene Patienten sofort in Einzelzimmern isoliert und die Operative Intensivstation mit 14 Betten am Wochenende geschlossen. Das heißt: Es kamen keine neuen Patienten mehr dazu, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

„Wir haben mit uns gerungen, aber die Sicherheit kommt zuerst“, betont Schulte-Sasse. Die Klinikleitung verschob einige Operationen und nutzte andere Intensivbetten in Heilbronn und Bad Friedrichshall. Bis Ende der Woche, hofft der Ärztliche Direktor, soll in Heilbronn eine Ersatz-Intensivstation mit acht Betten und Beatmungsgeräten aufgebaut sein. Räumlich getrennt von der bisherigen und mit völlig anderem Personal.

Für gesunde Menschen, Ältere oder Schwangere geht von dem Acinetobacter-Keim „keinerlei Gefahr aus“, betont Schulte-Sasse. Auch für Patienten in der normalen Bettenstation sei er nicht relevant. Nur wenn Patienten über Jahre mit Antibiotika behandelt wurden, könne sich der multiresistente Keim entwickeln.

SLK-Klinikum Geschlossen: die Operative Intensivstation in der Heilbronner SLK-Klinik. Ein Keim, der gegen Antibiotika resistent ist, wurde bei Patienten nachgewiesen.


Bevor eine Entscheidung fiel, forschte die Klinikleitung erst einmal im Internet. Seit den 90er Jahren sind Ausbrüche von Acineto-bacter baumanii in der Literatur beschrieben. Vor allem in Intensivstationen treten die Fälle vermehrt auf. Schulte-Sasse fand Erfahrungen von Kliniken, die den Keim bei laufendem Betrieb ausmerzen wollten. „Das hat über Monate zu einer Kette von Infektionen geführt.“ Eine Klinik in Münster beschrieb, wie sie die weitere Verbreitung nach dem Schließen der Intensivstation stoppen konnte. Heilbronn übernahm das Konzept der Kollegen. „Bislang haben wir keine weitere Ausbreitung der Keime“, beruhigt Schulte-Sasse. Die weiter auf der Station liegenden Kranken werden regelmäßig untersucht. Durch die radikale Maßnahme „haben wir es unter Kontrolle“, ist er überzeugt. Patientensicherheit gehe vor finanziellen Erwägungen, ergänzt SLK-Sprecherin Valerie Blass.

Durch wen der Keim in die Intensivstation am Gesundbrunnen kam? Die SLK-Leitung vermutet, dass es ein 85-jähriger Patient war, der Mitte September von einem Pflegeheim ins Klinikum verlegt worden war. Er lag mit den anderen betroffenen Patienten in einem Zimmer.

Krankheitserreger

Acinetobacter baumanii sind unbewegliche Bakterien in Kurzstäbchenform, die überall in der Natur verbreitet sind. Am häufigsten wird der Keim im klinischen Alltag beobachtet. Er kann Wundinfektionen, Lungen- oder Hirnhautentzündung verursachen. Im Januar 2008 brachte ein multiresistenter Stamm den Betrieb einer Intensivstation in Enschede (Niederlande) fast völlig zum Erliegen.

 



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