Horrortrip durch Badesalz

Region - Unter harmlos klingenden Namen wie Badesalz werden Stoffe angeboten, die Konsumenten tagelang in einen Wahnzustand versetzen können. Auch in der Region Heilbronn sind die Stoffe angekommen.

Von Carsten Friese

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Region - Immer härter, immer unberechenbarer: Was an neuen Drogen nach Europa schwappt, treibt Drogenbekämpfern kalten Schweiß auf die Stirn. Unter harmlos klingenden Namen wie Badesalz werden Stoffe angeboten, die Konsumenten tagelang in einen Wahnzustand versetzen können.

Auch in der Region Heilbronn sind die Stoffe angekommen. Von zwei Ermittlungsfällen, bei denen Badesalz "im Spiel ist", berichtet Polizeisprecher Harald Schumacher. Viel mehr kann er nicht sagen, die Ermittler stehen erst am Anfang.

Selbstverstümmelung

Kräuter- und Pulvermischungen, die im Labor mit Schmerzmitteln oder Psychostimulantien versetzt werden, bieten die Drogenpanscher an. Zu Gramm-Preisen um 30 Euro. Die Wirkung der Mischungen ist oft verheerend: Eine Welle von Selbstverstümmelungen und Selbstmordversuchen im Drogenrausch wird aus den USA gemeldet. Auch das Landeskriminalamt in Stuttgart verzeichnet beängstigende Fälle und warnt vor den neuen Designerdrogen (siehe Nachgefragt). Da nirgends angegeben sei, was in den Mischungen tatsächlich enthalten ist, werden Konsumenten zu Versuchskaninchen, mahnen Experten. Selbst bei nur einmaliger Einnahme kann ein Trip lebensgefährlich sein.

Wahre Horrorgeschichten meldet der "Spiegel" aus den USA. Im Staat Indiana stieg ein Mann nach der Einnahme von Badesalz auf einen Flaggenmast am Straßenrand, sprang in den Verkehr und starb; ein anderer schnitt sich im Rausch mit einem Abhäutmesser für die Jagd in Gesicht und Bauch. Fieberattacken, Kreislaufzusammenbrüche, Herzrasen sind weitere desaströse Folgen.

Extrem abgedrehte Patienten nach einer Einnahme von Badesalz hat Dr. Karl Pölzelbauer in der SLK-Klinik Heilbronn zwar noch nicht behandelt. Doch zwei minderjährige Mädchen, die vor wenigen Wochen nach einer Überdosis Codein-ersatz eingeliefert wurden, hat er erlebt. "Sie waren psychotisch, zeigten Erscheinungen, die nicht mehr erklärbar waren", erklärt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Derartige Hustenstiller-Substanzen gehörten zur Obergruppe der Amphetamine, wie andere der neuen synthetischen Drogen auch. Die Patientinnen hätten nach der Einnahme von acht oder neun Tabletten Halluzinationen gehabt und sich selbst gefährdet. Pölzelbauer nennt die Wirkungen gravierend. Menschen könnten "wie bei LSD aus dem Fenster springen", sagt er. "Man kann nur davor warnen."

Parkplatz-Test

Immerhin: Der Bekanntheitsgrad der neuen Drogen ist offenbar noch nicht allzu hoch. Drei Gruppen junger Menschen, die die Stimme auf dem Parkplatz eines Heilbronner Szene-Lokals testweise ansprach, wussten nichts von einer Droge Badesalz. In einer vierten Gruppe hatten zwei schon mal einen Bericht im Fernsehen gesehen.

Im Heilbronner Kontaktladen, der Anlaufstelle für Drogenabhängige, ist über Badesalz diskutiert worden. Sogar eine Warnung vor den Stoffen hängt an der Pinnwand. "Es wird gefragt, ob man davon schon gehört hat", erklärt Mitarbeiterin Sabrina Bäuerle. Vom Konsum habe aber noch kein Besucher berichtet. "Für unsere Klienten ist es wahrscheinlich zu teuer."

Für Karl (46), ein Methadon-Konsument, steht fest: Er lässt die Finger von diesen Badesalzen. "Es weiß doch niemand, was da drin ist."
 

Hintergrund: Nur angeblich legal

Als „Legal Highs“, also angeblich legale Drogen, werden Stoffe wie Badesalz oft angeboten. Es sei absolut nicht legal, sagt die Polizei dazu. Auf manchen Verpackungen wird zum Schein vor dem Konsum der Stoffe gewarnt. Meist werden den im Labor hergestellten Mischungen Psychostimulantien beigemischt. Es gibt gefährliche Inhaltsstoffe, die eindeutig unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, wie Mephedron – Verkauf und Kauf sind strafbar. Andere Stoffe fallen zumindest unter das Arzneimittelgesetz. Der Verkäufer macht sich strafbar. cf

Nachgefragt

Warum das Landeskriminalamt laut vor neuen Drogen wie Badesalz warnt, erklärt der Heilbronner Andreas Mayer, Leiter der Prävention, im Gespräch mit Carsten Friese.

Wie bewertet das LKA neue Drogen wie Badesalz?

Andreas Mayer: Speed, Spice, Space, Badesalz Co. sind hochgefährliche synthetische Drogen, völlig unerforscht von den Wirkstoffzusammenhängen, die in der Regel über das Internet vertrieben werden. Sie werden immer wieder in ihrer Struktur verändert, um das Betäubungsmittelgesetz zu umgehen. Es sind unberechenbare Substanzen, die zum Teil fatale Auswirkungen haben wie Kreislaufversagen, Wahnvorstellungen, Psychosen, Ohnmacht, Muskelzerfall bis zu drohendem Nierenversagen. Die Konsumenten erleben ihr persönliches Waterloo.

Gab es drastische Fälle im Land?

Mayer: Allein in Freiburg wurden im ersten Quartal 2011 rund 30 Personen in die Vergiftungszentrale der Rechtsmedizin eingeliefert. In Baden-Württemberg gab es zahlreiche Fälle, bei denen Menschen nach der Einnahme in Lebensgefahr schwebten. Wir warnen absolut vor diesen Stoffen, weil kein Mensch weiß, was tatsächlich enthalten ist.

Was tut die Polizei dagegen?

Mayer: Polizei und Staatsanwaltschaft gehen konsequent gegen diese Art von Drogen vor. Die Stoffe werden regelmäßig beschlagnahmt und chemisch untersucht, Strafverfahren gegen Händler und Besitzer eingeleitet. Zudem werden Shops von Anbietern, sogenannte Head- oder Growshops, kontrolliert. Außer justiziell wird auch gewerberechtlich gegen sie vorgegangen. Wenn jemand Drogen konsumiert, wirkt sich dies auch auf den Führerschein aus. Aus Sicht der Prävention warnen wir wegen der erheblichen Risiken vor diesen Drogen.