Gurkenernte geht ins Kreuz

Bis zu zehn Tonnen werden täglich auf dem Industriegemüsehof Kratzmüller gepflückt

Von Daniel Kurr

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Zwölf Stunden müssen die Helfer in dieser Position die Einlegegurken ernten. 80 bis 100 Meter legt der Gurkenflieger in einer Stunde zurück.Foto: Mario Berger

Stein - Es wird ein heißer Tag. Das ist schon am Vormittag klar. 24 Männer liegen eng nebeneinander auf dem Gurkenflieger, zwölf auf jeder Seite. Getrennt durch den Anhänger, den es zu füllen gilt. Ihre Köpfe sind kaum zu sehen, ihre gelben Arbeitshandschuhe verschwinden im Sekundentakt im Gurkendickicht. So fällt Stück für Stück auf das Förderband, das wenige Zentimeter vor der schweißnassen Stirn der Pflücker entlang rattert.

Drei Stunden sind die polnischen Erntehelfer schon auf dem Feld bei Stein am Kocher, mit der Gewissheit, dass vor acht Uhr abends nicht Schluss ist. Die Männer arbeiten schnell: In nur wenigen Minuten füllt sich der Anhänger und die Maschine wechselt die Spur.

80 bis 100 Meter werden so in einer Stunde abgeerntet. Mit dem Wenden des Gurkenfliegers einher geht eine kurze Verschnaufpause. Eine schnelle Zigarette, ein kurzes Recken und Strecken und schon geht es wieder weiter. Diesmal allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Die Männer interessiert das wenig. Von der Umgebung bekommen sie kaum etwas mit. Ihr Blick ist auf das Wesentliche gerichtet: die Gurken unter ihnen.

Zeitlupe "Es könnten um die zehn Tonnen heute werden", meint Marcus Kratzmüller, der den Familienbetrieb führt und seit 17 Jahren Einlegegurken für die Gemüseindustrie anbaut. Wie zwei Tragflächen eines Flugzeuges gleitet der Gurkenflieger in zeitlupenartiger Geschwindigkeit über den Gurkenacker der Familie.

"Meine Kollegen und ich sind nun seit Anfang Juni hier und die erste Woche ist immer besonders hart", erzählt der 26-jährige Krzysztof Pyc aus Polen und atmet tief durch. Er berichtet von von Glieder- und Rückenschmerzen, die er beim gemeinsamen Abendessen und beim Schlafen auch noch nach Wochen spürt. Kein Wunder bei zwölf Stunden Arbeit von Montag bis Sonntag. Dass es ein Knochenjob ist, gibt auch Marcus Kratzmüller zu. "Bei Wind und Wetter geht es raus."

Trotz ansteigender Hitze ist immer wieder ein Lachen und Kichern aus den Reihen der liegenden Männer zu hören. So auch von Lukasz Horbot, der bald in seiner Heimat Medizin studieren möchte. Jetzt liegt er in kurzen Hosen auf dem Bauch, unter sich eine durchgelegene, ausgebleichte Matratze. So verdient er zur Erntezeit das Geld für sich und seine Familie. Hier im Kochertal werde er besser bezahlt als zu Hause, erzählt er. "Manche der Angestellten kommen schon seit 20 Jahren zur Ernte", freut sich der der 38-jährige Gemüsebauer und betont, wie wichtig ihm das gute Miteinander innerhalb der Gruppe ist. "Die müssen 24 Stunden miteinander auskommen."

Mittagessen Für Verpflegung, Unterkunft und Versicherungen ist der Arbeitgeber zuständig. Jeden Tag kocht Seniorchefin Ursula Kratzmüller für die hungrige Truppe das Mittagessen. Heute gibt es Kartoffelauflauf mit Schweinesteak. Bis dahin ist die Kolonne aber noch einige Gurken entfernt.

Noch rund zwei Wochen wird es so weitergehen, denn so lange wird die Ernte in diesem Jahr dauern. "Es scheint in diesem Jahr eine rechte gute Ernte zu geben", ist Kratzmüller zufrieden. Bis dahin heißt es für die 18- bis 55-jährigen Helfer jeden Morgen aufs Neue: An die Gurke, fertig, los!