Glockenstreit: Anwohner sprechen von „Lärm-Folter“

Heilbronn - Anwohner der Kirche St. Kilian in Böckingen ärgern sich über das vor einem halben Jahr eingeführte Glockenläuten um 7 Uhr morgens. Ein Ehepaar hat nun beim Verwaltungsgericht Stuttgart Klage gegen die Kirchengemeinde eingereicht.

Von Adrian Hoffmann

Glockenstreit

Heilbronn - Dieter Ackermann wählt harte Worte. Eine "Lärm-Folter" sei es, was die katholische Gemeinde St. Kilian im Heilbronner Stadtteil Böckingen den Nachbarn der Kirche zumute. Damit steht er nicht allein: Einige weitere Anwohner sind genervt von dem Glockenschlagen um 7 Uhr morgens − das sogenannte Angelusläuten. Dieter und Ellen Ackermann haben nun Klage beim Stuttgarter Verwaltungsgericht eingereicht.

Kein Kommentar

Siegbert Pappe, Pfarrer der Kirchengemeinde, will sich zum neuerlichen Glockenstreit − eine ähnliche Geschichte gab es 2007/2008 im Zusammenhang mit der evangelischen Kirche in Neckargartach − nicht äußern. Er finde es bedauerlich, dass das Thema öffentlich gemacht werde. Man sei auf einem guten Weg der Klärung.

Die Ruheständler Ackermann sehen das anders. Zwar sei auf ihre Proteste hin das Läuten am Sonntagmorgen eingestellt worden, aber den Rest der Woche gehe es weiter. Sie ärgert, dass jahrzehntelang am Morgen nie geläutet wurde − seit November aber alles anders sein soll. Es gebe um diese Zeit ja keine Messe, sagt Ellen Ackermann. "Vorher waren das paradiesische Zustände, jetzt ist es unerträglich." Sie sitze senkrecht im Bett, wenn 50 Meter entfernt die Glocken schlagen.

Um Morgenläuten gibt es bundesweit immer wieder juristische Auseinandersetzungen. Klagen scheitern regelmäßig daran, dass das Angelusläuten in angemessenem Rahmen als kulturelle Tradition gilt. Als "zumutbare sozialadäquate Einwirkung" kann man das laut Ulrich Ratzel von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz bewerten. Uwe Renz von der Pressestelle der Diözese Rottenburg-Stuttgart sagt, auch wenn das Angelusläuten früher nicht morgens praktiziert worden sei, sei dies das Recht der örtlichen Kirchengemeinde.

Recht des Läutens

In einem Brief an die Ackermanns im Februar kündigte Pfarrer Pappe eine Schalldämmung an. "Es ist mir klar, dass das Angelusläuten − nach einer gewissen Zeit der Stilllegung − nun wieder eine Umstellung und ein Sich-daran-Gewöhnen erfordert", schrieb er. Man wolle mit dem Läuten niemanden ärgern, sich aber auch nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehen. "Zumal uns als Kirche ganz klar das Recht des Läutens zukommt."

Monique Schneider, Anwältin des Ehepaars, argumentiert vor allem mit Bestandsschutz. Es habe 60 Jahre kein Läuten um 7 Uhr gegeben. "Es liegen keine nachvollziehbaren Gründe vor, warum dies geändert wird." Außerdem, so Dieter Ackermann, würden der in reinen Wohngebieten zulässige Richtwert und auch der Spitzenpegel von 80 Dezibel beim Läuten überschritten. "Wir wären wirklich dankbar, wenn das aufhören würde", sagt Anwohnerin Yvonne Ebersbach, die als Krankenschwester oft von der Nachtschicht nach Hause kommt − und nach wenigen Minuten Schlaf wieder wach sei.

Angelusläuten

Das Angelusläuten ist in der Katholischen Kirche das morgendliche, mittägliche und abendliche Läuten der Glocken, bei dem das Angelusgebet gebetet wird. Liturgisches Geläut ist durch das Grundrecht der Religionsfreiheit geschützt – „und daher in der Regel zu akzeptieren“, hieß es 2007 in einer Antwort des Bundestagspräsidenten auf eine Bürgeranfrage. Beim Streit in Neckargartach vor wenigen Jahren ging es um das Läuten zu weltlichen Zwecken, das Zeitschlagen in der Peterskirche. Evangelische Kirche und klagende Rentner einigten sich zuletzt auf einen Vergleich. Nächtliche Glockenschläge zur Viertel- und Dreiviertel-Stunde wurden abgestellt.