Führt der Limes auf den Wartberg?

Rund 300 Besucher erleben bei "Geschichtspunkte" Forschung über Römer hautnah

Von unserem Redakteur Wolfgang Müller

Führt der Limes auf den Wartberg?
Nach der Theorie in der Stadthalle gab es Geschichte zum Anfassen. Dr. Klaus Kortüm zeigt den interessierten Besuchern bei der Ausgrabungsstätte in Bürg Konturen einer großen römischen Siedlung.Foto: Dennis Mugler

Neuenstadt - Geschichtspunkte" − so lautet die neue Veranstaltungsreihe, die das Landratsamt Heilbronn jetzt ins Leben gerufen hat. Der Auftakt am Freitag startete gleich mit einem Paukenschlag. "Im Landkreis Heilbronn kann die Limesgeschichte neu geschrieben werden", sagte Dr. Stephan Bender vom Aalener Limesinformationszentrum vor rund 300 Zuhörern in der vollbesetzten Stadthalle in Neuenstadt. Dass so viele Interessierte den Weg hierher gefunden hatten, freute Hausherr Bürgermeister Norbert Heuser ebenso wie Veranstalter Landrat Detlef Piepenburg.

Grenzverlauf Gut Ding will Weile haben − so könnte die wissenschaftliche Arbeit über den wahren Verlauf des Neckar-Odenwald-Limes überschrieben werden. Denn bis jetzt gingen die Historiker davon aus, dass das römische Abwehrbollwerk gegen die germanischen Horden um 100 nach Christus von Norden her bei Duttenberg endete. Richtung Süden, so die Ansicht der Wissenschaftler, hätten die Römer ab Jagstfeld den Neckar als natürliche Grenze des römischen Imperiums genutzt. Diese These kann nicht aufrecht erhalten werden, berichtete Bender. Erste Hinweise darauf lieferte Hans Riexinger bereits vor rund 40 Jahren, als der Bad Friedrichshaller Heimatforscher unter anderem römische Turmfundamente in Kochendorf und im heutigen Plattenwald gefunden hatte.

Diesen Entdeckungen hatte man damals noch keine größere Aufmerksamkeit geschenkt. Erst als wiederum Riexinger in den 90er Jahren Spuren auf dem Kochendorfer Lindenberg fand und auf seine Hinweise hin die Luftbildarchäologen Otto Braasch und Rudolf Landauer ein Kastell auf Höhe des Friedhofs nachwiesen, kam Dynamik in die wissenschaftliche Diskussion.

Seit 2009 untersuchen Bender und sein Team mit geophysikalischer Technik akribisch den möglichen Limesverlauf im nördlichen Landkreis ab. "In Kochendorf hat uns Riexinger punktgenau hingeführt", so Bender. Und siehe da: Tatsächlich lässt sich der Grenzwall nachweisen. Er knickt bei Duttenberg nach Südosten ab und führt schnurgerade durch Kochendorf bis zum Attisbach, wo er nach Süden abknickt und kerzengerade weiterläuft. Bender vermutet, dass er westlich am Scheuerberg vorbei zum Wartberg führt. Und: Unter der dortigen Mülldeponie befinde sich, so der Wissenschaftler, ein römisches Bad. Mit bis zu 12,5 Metern Länge, wie die Bäder bei den Kastellen Lützelbach und Würzburg.

Siedlung Nicht nur Forschung hautnah, sondern Geschichte quasi zum Anfassen bot die Auftaktveranstaltung des Landratsamtes. Denn nach der Theorie ging es per Shuttle zur Grabungsstelle in Bürg, wo ein Archäologenteam um Dr. Klaus Kortüm derzeit die Fundamente einer rund 20 bis 30 Hektar großen römischen Siedlung freilegt. Sie sei nicht nur zentrale Verwaltungsstelle gewesen, nachdem die Römer etwa 160 nach Christus den Limes weiter Richtung Osten verschoben hatten. Sie war offenbar auch Anlaufpunkt für Heilsuchende, so Kortüm. Darauf weise der sensationelle Fund des Apollo-Grannus-Tempels hin, so der Ausgrabungsleiter weiter.

Dass die Römer den Landkreis dicht besiedelten, hatte zuvor Dr. Andrea Neth vom Landesamt für Denkmalpflege aufgezeigt.

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