Flatterhafte Liebe

Neuenstadt - Gelungener Premierenabend der Freilichtspiele mit "Piroschka"

Von Angela Groß

Flatterhafte Liebe
Die Gesichter sprechen Bände: Greta (Corina Apfelbach) rechts schaut schnippisch, Andreas (Lars Tönnies) etwas unsicher und Piroschka (Jessica Colquhoun) merkt, dass sie im Moment etwas von der Aufmerksamkeit abgehängt ist.Fotos: Andreas Veigel

Neuenstadt - Die Freilichtspiele Neuenstadt haben sich mit "Piroschka" in die Herzen des Publikums gespielt. Alle, wie sie waren, miteinander − eine tolle Gemeinschaftsleistung der Laiendarsteller, die auch für die 53. Spielsaison wieder viel Zeit eingebracht haben. Teils stehend, minutenlang klatschend, so verabschiedete ein heiter gestimmtes Premierenpublikum die Schauspieltruppe und seinen neuen Liebling − Piroschka. Wiederholter Szenenapplaus und viel spontaner Zuspruch legten auf dem Weg durch das zweistündige Stück einen guten Nährboden für den Auftritt der Schauspieler.

Piroschka − ist in der Inszenierung von Hajo Baumgärtner ein Stück, das scheinbar leichtfüßig daherkommt. Lockere Handlungsfäden weben ohne irgendeine Länge die Liebesgeschichte des tapsigen Studenten Andreas, der Gefallen an zwei Frauen findet. Wie Piroschka schon richtig erkennt: Der Typ ist ein "Bleedian", aber schwer sympathisch.

Die Geschichte spielt in Ungarn, dort trifft Andreas in Budapest auf die kühle Deutsche Greta und später auf dem Land Piroschka. Kokett, backfischhaft, frech − und von oben bis unten auf Gefühl geeicht.

Ihr Gewicht erhält die Inszenierung aber durch opulente, wie mit dicken Pinselstrichen hingeworfene Szenen, die sich als Standbilder in Zeitlupe vor den Augen der Zuschauern aufbauen. Eine feiernde ungarische Hochzeitsgesellschaft, das von wehmütigen Klängen begleitete Kukuruzfest zaubern Flair auf die Bühne vor dem Neuenstädter Schloss. Und die Details! Flatternde Bänder, bestickte Röcke, bunte Schärpen gibt es bei den Kostümen, während die Bahnstation mit einem original altem Stellwerk oder der über offenem Feuer dampfende Gulyáskessel das beschauliche Leben in Hódmezövásárhelykutasipuszta skizziert.

Kolorit

Für das richtige Kolorit sorgen aber auch die Schauspieler, etwa Sándor, der mit dicker Felljacke, gewaltiger Stimme und einem mords Karacho die Bühne betritt. Oder der knorzige, mit seinem Schnurrbart kämpfende versoffene Bahnhofsvorsteher Rácz. Streckenweise bietet das Stück viel Situationskomik, lustige Dialoge, häufig werden sie von Piroschka angetippt. "Hast du mir scharf gemacht?", fragt sie Andreas, ihren Schwarm. "Du hast so viele Finger", wird ihn später eine schnippische Greta abblitzen lassen. Für welche der beiden Frauen wird er sich entscheiden? Das wird auch hier nicht verraten.

Flatterhafte Liebe
Starke Szene: Andreas versucht zu vertuschen, dass die Karte von Greta ist. Rechts steht Sándor (Benjamin Ehnle).
Flatterhafte Liebe
Im Hintergrund zu sehen ist die Hochszeitsgesellschaft. Die Inszenierung wird immer wieder mit Tänzen aufgelockert.