Erinnerungen, die niemand erwartet hat

Bad Wimpfen Geschichtslehrer Bernd Wetzka schickt Nachkommen des Juden Adolf Baer alte Familiendokumente

Von Adrian Hoffmann

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Erinnerungen, die niemand erwartet hat
Bernd Wetzka, Bad Wimpfener Gemeinderat und Lehrer am Hohenstaufen-Gymnasium, vor dem Haus, in dem Adolf Baer bis 1938 gelebt hat. Baers Enkelinnen sind hoch erfreut über den Fund des Gebetsbuches.Fotos: Adrian Hoffmann/privat

Bad Wimpfen - Manchmal reihen sich Zufälle aneinander. Sofern man an Zufälle glaubt. Bernd Wetzka stößt auf ein altes Gebetsbuch des Juden Adolf Baer, der im November 1938 aus Bad Wimpfen deportiert und im KZ Dachau ermordet wurde. Er findet hebräische Notizen und Namen von Angehörigen. Und er weiß, dass es Nachkommen gibt. Drei Enkelinnen, die verstreut in den USA leben. Er hatte schon einmal Kontakt aufgenommen, um mehr über ihre Familiengeschichte zu erfahren.

Wetzka, Gemeinderat in Bad Wimpfen und Geschichtslehrer am Hohenstaufen-Gymnasium, überrascht sie: Er schickt ihnen Kopien der Fotos, die mit dem Gebetsbuch aufgetaucht sind. Eine Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Elsbeth Whitten aus Florida, heute 86 Jahre alt, setzt einen Brief auf. „Ich bin überwältigt, all die Bilder zu bekommen. Sie sind ein unglaubliches Geschenk für mich“, steht darin. Für sie gehören diese Entdeckungen zu den wenigen Dokumenten, die ihre Familiengeschichte wiedergeben. Ein Stück Erinnerung, mit dem sie nicht gerechnet hätte. „Ihre Reaktionen machen die Arbeit noch lohnender und sinnvoller“, sagt Wetzka.

Fasziniert Die Vorgeschichte: Bernd Wetzka wirkt mit Schülern am 9. November 2008 - 70 Jahre nach der Reichskristallnacht - an einem Gedenkgottesdienst vor dem Haus in Bad Wimpfen mit, in dem Antiquitätenhändler Adolf Baer bis 1938 gelebt hat. Die Familie, der heute das Haus gehört, wundert sich erst über den Gottesdienst, nutzt aber die Gelegenheit und spricht Wetzka an. Man habe da etwas, was nicht in den Besitz der Familie gehöre. Könnte das vielleicht nützlich für ihn sein? Wetzka, 60 Jahre alt, wird neugierig. „Ich erhielt ein in Leder gebundenes Buch und mehrere gerahmte Fotos.“

Wetzka schlägt das Gebetsbuch von hinten auf, hinten ist bei hebräischen Schriftstücken vorne. Und siehe da: Namen sind aufgelistet. Adolf Baers Familie. Wetzka und seine Schüler sind fasziniert von diesen Entdeckungen. Sie haben sogar schon mit den Enkelinnen telefoniert. „Es war für meine Schüler und mich beeindruckend, mit den Frauen zu reden“, erzählt er. „Sie erinnerten sich sofort an den Talmarkt.“

Schwarze Wolke In einem Brief an Wetzka schreibt Elsbeth Whitten: „Bitte danken Sie den Leuten, die in dem Haus wohnen, dass sie uns die Bilder gegeben haben.“ Whitten hat beim Holocaust Museum in Washington gefragt, ob diese Erinnerungsstücke für das Archiv interessant sein könnten. Nächste Woche schickt Wetzka nun das Gebetsbuch an die Enkelinnen. Auch die Originalfotos gehen in die USA. Eine Ausstellung im Rathaus, die er mit seinen Schülern veranstaltet hat, ging am Freitag zu Ende. Sie zeigte neben der Familiengeschichte Baers einige Bilder aus Wimpfen 1938. Der Löwenbrunnen in der Altstadt war „Platz der SA“. Auch Hedwig Baer, eines der elf Kinder von Adolf Baer, wurde im KZ ermordet.

Da Baers Enkelinnen über 80 sind, ist es unwahrscheinlich, dass sie Bad Wimpfen besuchen werden. Aber eine schöne Vorstellung. Im Frühjahr sollen zum Gedenken an Bad Wimpfener Juden Stolpersteine verlegt werden - das wäre der passende Anlass. Whitten schreibt in ihrem Brief: „Diese Jahre waren wie eine schwarze Wolke über uns und dürfen nie vergessen werden.“

Erinnerungen, die niemand erwartet hat
Adolf Baer, seine zweite Frau Augusta und die Enkelinnen Ruth und Ellen Kahn.
Erinnerungen, die niemand erwartet hat
Das Gebetsbuch von Adolf Baer erlaubt einen Einblick in die Familiengeschichte.