Ein schwieriger Anfang

Hardthausen - Vor der Gründung des Triebwerk-Testgeländes in Lampoldshausen gab es viel Skepsis. Mittlerweile ist das Geschichte, und das Deutsche Luft- und Raumfahrtinstitut (DLR) in Lampoldshausen feiert im Herbst seinen 50. Geburtstag.

Von Angela Groß

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Von ihrer Jugend an haben sie sich für Technik und für das DLR interessiert (von links): Walter Weippert, Adolf Frank, Kurt Reichert und Rolf Rosenberger.Foto: Guido Sawatzki
Hardthausen - Wenn Walter Weippert, Adolf Frank, Kurt Reichert und Rolf Rosenberger an die Anfangszeit des DLR in Lampoldshausen denken, haben sie vielleicht auch ein kleines Triebwerk im Sinn. Und zwar ihr eigenes Triebwerk, ein von Adolf Frank in der Hobbywerkstatt des Elternhauses abenteuerlich zusammengebasteltes Strahltriebwerk, das sie 1956/57 vor Publikum und bei Getöse auf den Äckern haben fliegen lassen. Technikbegeistert wie sie damals waren - eine junge Gruppe etwa 20-jähriger Männer - experimentierten sie in dieser Zeit mit allem Möglichen. „Unser Hobby hat mit dazu geführt, dass das Ganze positiv beurteilt wurde“, sagt Adolf Frank (70).



Das Ganze, damit ist jene aufregende Anfangszeit gemeint, als Lampoldshausen in die engere Auswahl für ein Testgelände für Raketentriebwerke des Forschungsinstituts für Physik der Strahlantriebe kam. Mittlerweile ist das Geschichte, und das Deutsche Luft- und Raumfahrtinstitut (DLR) in Lampoldshausen feiert im Herbst seinen 50. Geburtstag. „Damals haben wir das nicht absehen können, was da für eine Technologie entsteht“, sagt Adolf Frank. Er weiß noch, wie er zum Heumachen mit dem Kuhfuhrwerk in den Langengrund gefahren ist. Heute steht dort das DLR. Eines war ihm jedoch sofort klar: Als er am 10. Oktober 1959 Professor Eugen Sänger das erste Mal über die Weltraumfahrt sprechen hörte, wusste er: „Das gibt meinen nächsten Arbeitsplatz.“ Er sollte Recht behalten.

Gesprächsstoff

Bis es allerdings so weit war, im April 1960 die ersten Bagger im Langengrund anrollten, gab es viel Gesprächsstoff und so manche Diskussion im Dorf. Einem 800-Seelen-Dorf, das zu 60 Prozent im Krieg zerstört wurde, viel Landwirtschaft und wenig Arbeitsplätze hatte. „Wir hatten keine Möglichkeit, hier vor Ort Geld zu verdienen - wir mussten alle weit fahren“, erinnert sich Kurt Reichert (71). Als letztlich das Lampoldshausener Gelände unter 30 verschiedenen Standorten in Baden-Württemberg für die Ausweisung der Triebwerkprüfstände übrigblieb, gab es auch vor Ort Kritiker. Man hatte vor allem befürchtet, dass den Menschen mehr Nachteile als Vorteile entstehen könnten und sich die künftigen Mitarbeiter vor allem wegen besserer Infrastruktur in der Nachbarschaft ansiedeln würden. Befürchtungen hinsichtlich Lärm und Trinkwasser-Verseuchung kamen noch hinzu.

Der Gemeinderat lehnte den Baubeschluss zwei Mal ab. Obwohl die Raketenprüfstände auf staatlichem Gelände errichtet werden sollten, wollten das Wirtschaftsministerium und Professor Eugen Sänger die Zustimmung der Bevölkerung vor Ort. Und sie bekamen sie - nach dem Vortrag des Raketenforschers brandete Beifall in dem Saal auf. Als zur Meinungsumfrage gebeten wurde, hoben die Bürger ihre Hände für das Projekt. Die Wende war geschafft.

An den vollen Rathaussaal und den Vortrag erinnern sich die Zeitzeugen auch 50 Jahre später sehr genau. „Sänger hat frei geredet, die technische Entwicklung vorgestellt und Visionen entwickelt, dass man weiter in den Weltraum will“, erzählt Frank. Große Berührungsängste gab es keine: „Hinterher sind wir alle um den Professor herumgestanden“, sagt Rolf Rosenberger. Der 69-Jährige erinnert sich auch an die Propagandaaufrufe des Deutschen Freiheitssenders 904, der von der DDR finanziert und organisiert wurde. „Bürger von Lampoldshausen, wehrt euch!“, schallte aus dem Radio. „Das war eine böse Zeit“, sagt Walter Weippert (74) und meint den Kalten Krieg. Es ging die Angst um, es könnte sich bei den Triebwerks-prüfständen um Abschussbasen und Atomantriebe handeln.

Bewegte Zeit

Wie bewegt diese Zeit war, zeigt eine Aufnahme von 1960: Beim Festzug wurde das Ortsgeschehen festgehalten. Auf einem Wagen war eine weiße Rakete aufgestellt, unten prangte der Schriftzug „Mondbahnhof Langengrund“. Und für die Männer bleibt der kleine Triumph, „als erste auf dem Sektor Triebwerktests in Lampoldshausen aktiv gewesen zu sein“, so Frank.