Ein Bett zwischen Toilette und Stromgenerator

Heilbronn - Seine Antwort schickt er innerhalb von fünf Minuten. Fünf Minuten nachdem ihn die Notfallalarm-SMS erreicht hatte. Darin stand etwa: "Hungersnot in Äthiopien. Humedica sendet Team, wer geht mit?" Wenige Tage später sitzt der Heilbronner Robert Wunderlich im Flugzeug.

Von Stefanie Sapara

Heilbronn - Seine Antwort schickt er innerhalb von fünf Minuten. Fünf Minuten nachdem ihn die Notfallalarm-SMS erreicht hatte. Darin stand etwa: "Hungersnot in Äthiopien. Humedica sendet Team, wer geht mit?" Wenige Tage später sitzt der Heilbronner Robert Wunderlich im Flugzeug. "Vor meinem praktischen Jahr war es für mich die letzte Möglichkeit, so eine Erfahrung zu machen." Einen Tag zuvor hat der Medizinstudent an der Uni Tübingen die letzte Prüfung geschrieben. Jetzt heißt sein Ziel: Addis Abeba, Äthiopien. In den vergangenen Wochen kamen aus dem angrenzenden Somalia Hunderttausende Menschen in das Land − auf der Flucht vor der schlimmsten Hungerkatastrophe seit Jahrzehnten.

Mit dem Helikopter geht es für den 25-Jährigen und sein Team nach Dolo Ado, in den Südosten des Landes. Schon die Anreise gestaltet sich schwierig. "Der Heli hielt 400 Kilogramm aus. Wir haben alle unsere Sachen in Plastiktüten gestopft, um Gewicht zu sparen." Am Ende zeigt die Waage 425 Kilo. "Ich musste als Koordinator entscheiden, wer dableibt. Das war hart", erzählt Wunderlich. Angekommen in der kleinen Stadt Dolo Ado, nahe der Grenze zu Somalia, verschafft sich das Team einen Überblick. Drei Camps gibt es, dazu ein Registrierungscamp, bei dem sich alle Flüchtlinge melden müssen, und ein Transitcamp, wo sie untergebracht sind, bis sie in ihr endgültiges Zeltlager gebracht werden können.

Vollbesetzte Camps

"Alle Camps waren vollbesetzt, aber nicht vollversorgt", erzählt der 25-Jährige. Eines der Lager ist erst im Juni eröffnet worden und belegt mit 110 000 Menschen. Ausgelegt ist es für 30 000. Die Zustände seien schlimm, "die Sterblichkeit in den Lagern ist 14 mal so hoch wie bei der restlichen Bevölkerung in Afrika".

Das Team benötigt viel Zeit, um die Lage zu sondieren. Viele andere Hilfsorganisationen sind vor Ort, alle wollen helfen. Doch was brauchen die Menschen, wo ist die Not am größten, wie können Hilfsgüter herangeschafft werden? Fragen, die erst einmal geklärt werden müssen. Genauso wie: Wo können wir ein Haus als Basisstation finden, ein Auto, um mobil zu sein? Am Anfang schläft das Team in Minizelten, zwischen Toiletten und Stromgenerator, erzählt der Student. "Man kann nicht einfach hinfliegen und mit dem medizinischen Einsatz beginnen", erklärt Wunderlich. Vor allem, weil die Arbeit der Teams vor Ort erst genehmigt werden müsse. Eine bürokratische Herausforderung jagt die nächste. Genehmigungen, Stempel, Registrierungen: "Man lernt, Geduld zu haben."

Flehende Blicke

In den Camps erleben die Hilfskräfte Szenen, die sich ins Gedächtnis einbrennen. "Die Menschen wurden in Tücher gewickelt in die Krankenstation getragen." Mütter bieten den Helfern verzweifelt ihr letztes Geld und strecken ihnen ihre Kinder entgegen: "Sie wollen, dass man die Kinder mitnimmt, weil sie sie selbst nicht mehr versorgen können." Es sind Szenen, die an persönliche Grenzen führen. Getragen wird Robert Wunderlich in den drei Wochen nicht nur von dem festen Willen, so viel wie möglich zu helfen, sondern auch vom Teamgeist. "Wir hatten viele harte Situationen, aber mit erfahrenen Kollegen und einem unglaublichen Wir-Gefühl haben wir Hand in Hand gearbeitet und viel geredet."

Vor allem um die medizinische Versorgung wollen sich die Helfer-Teams, die nachgerückt sind, in den nächsten Wochen und Monaten kümmern. Auch darum, dass kalorienreiche Lebensmittel wie Erdnusspaste beschafft werden sowie Medikamente und Zelte, Seifen und Wasserkanister.

Nach Hause

Nach drei Wochen landet Wunderlich in Frankfurt. Einen Tag später steht er als Betreuer auf dem Gaffenberg parat. "Man kommt hier sofort auf andere Gedanken. Für mich ist das wie Urlaub."

Einen Tag nach den Freizeiten beginnt für den angehenden Arzt das praktische Jahr. Zeit zu verschnaufen hat er nicht. Aber er ist froh, vor Ort gewesen zu sein. "Die Zeit dort hat mich nicht verändert", sagt er. Das Leid der Menschen kennt der 25-Jährige in ähnlicher Form, "wenn auch nicht ganz so schlimm", aus Uganda. Dort treibt er seit Jahren das Projekt "Schenke eine Ziege" voran. "Dadurch ist man etwas vorbereitet. Was ich aber gelernt habe, ist Organisationsstrukturen zu akzeptieren, und was bleibt, sind auch die tollen menschlichen Erfahrungen", betont Wunderlich. "Ich habe viel Zeit und Kraft investiert. Aber es hat sich gelohnt. Weil wir alles gegeben haben, was in unserer Macht stand."

Ein Bett zwischen Toilette und Stromgenerator
Gelandet mitten in der Wüste, im Südosten von Äthiopien: Robert Wunderlich ist Koordinator des ersten deutschen Hilfsteams, das Humedica entsandt hat. In Dolo Ado müssen er und sein Team sich ein Bild von der Lage verschaffen.Fotos: Humedica