Druck machen bis zum Ausstieg

Kernkraftgegner beäugen Atom-Moratorium kritisch − GKN-I-Abschaltung ist Teilerfolg

Von Joachim Kinzinger

Druck machen bis zum Ausstieg

"Das Restrisiko ist viel zu gefährlich für unsere Menschheit."

Martin Schreyer

Lauffen - Wenn sie aus dem Fenster in der Lauffener Altstadt blicken, sehen sie die Dampfwolke über dem Kernkraftwerk Neckarwestheim aufsteigen. Martin und Isolde Schreyer protestieren seit Mitte der 70er Jahre gegen die Kernkraft. Die Atomkatastrophe in Japan, die täglichen Hiobsbotschaften aus Fukushima machen auch das Paar, das in Lauffen eine Buchhandlung betreibt, betroffen.

Es ist ein Gemisch aus Trauer und Unverständnis. Die Gefahr, dass das Land der aufgehenden Sonne "auf ewige Zeit verstrahlt ist", bedrückt die 50-Jährige. "Das Restrisiko ist viel zu gefährlich für unsere Menschheit", sagt ihr 51-jähriger Ehemann. Auch Peter Döllel (64), der mit am Tisch sitzt, fühlt sich in seiner Einschätzung bestätigt: "Es gibt keine Sicherheit."

Das Trio beäugt das Atom-Moratorium von Kanzlerin Angela Merkel weiterhin kritisch. Dass GKN I nun stillgelegt wird, bezeichnet der Buchhändler als Teilerfolg. "Jeder Tag ohne Kernkraft ist ein Tag mit weniger Atommüll." Die AKW-Gegner wollen weiterhin Druck machen und demonstrieren, bis auch der zweite Neckarwestheimer Meiler vom Netz ist.

Schutzgemeinschaft Rückblick: Im Januar 1971 einigen sich Neckarwerke und Technische Werke Stuttgart auf den Bau des 840-Megawatt-Reaktors im Steinbruchareal in Neckarwestheim. Ein Atomkraftgegner der ersten Stunde ist der Brackenheimer Arzt Dr. Joachim Weitzsäcker, der 1971 vor einer Quelle "ständig steigender Radioaktivität" warnt und die AKW-Schutzgemeinschaft gründet. Auch der Lauffener Gemüsebauer Adolf Mauk befürchtet negative Klimaauswirkungen auf Obst und Gemüse. Doch dem Lauffener CDU-Landtagsabgeordneten und Weinbaupräsidenten Gotthilf Link gelingt es, die Mehrheit der Landwirte und Wengerter auf seine Seite − pro Kernkraft − zu ziehen.

Das Ehepaar erinnert sich an seine ersten Demos als Jugendliche, als noch "viele Schlepper" Mitte der 70er Jahre nach Neckarwestheim gefahren sind. "Atomkraft ist unsinnig, unnötig und gefährlich", sagt der Buchhändler zu seinem Motiv. Computer-Systemanalytiker Döllel stammt aus München, lebt seit 1975 in Lauffen und besichtigt GKN I während der Bauzeit: "Damals war ich nicht dafür oder dagegen". Das "ungute Gefühl" wächst, er wird zum AKW-Gegner, diskutiert in der Reihenhaussiedlung mit Nachbarn, die im Kernkraftwerk arbeiten.

Im Mai 1976 beginnt im ersten Neckarwestheimer Block mit der ersten sich selbst erhaltenden Kettenreaktion die atomare Zeitrechnung. Der Protest geht in der Region zwar weiter, köchelt aber auf Sparflamme. Das Ehepaar Schreyer ist in der BUND-Ortsgruppe und im Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar aktiv. Erst mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 wächst die Bewegung wieder. Die Schreyers sorgen sich in dieser Zeit um ihre zwei kleinen Kinder. "Jetzt tut sich was", hofft Martin Schreyer. Nach wenigen Wochen sei die Katastrophe im Bewusstsein der Regierung vergessen gewesen, bedauert Döllel.

Castoren Die "Ohnmacht" gegen die Staatsmacht bei Castor-Demos ist dem Trio noch gut in Erinnerung. Mit dem Atomgesetz 2000 von Rot-Grün und dem schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie sind die drei Lauffener zufrieden. Die Laufzeitverlängerung von Schwarz-Gelb Ende 2010 löst zunächst Resignation aus, aber auch die Einsicht, weiterhin bei Menschenketten und Protestketten dabei zu sein. Bis Deutschland zum Vorreiter beim vollständigen Atom-Ausstieg wird.