Die kurze Episode der Obusse

Heilbronn - Busgeneration überlebt nur neun Jahre − Letzte Fahrt am 31. Dezember 1960

Von Joachim Friedl

Die kurze Episode der Obusse
Kreuzung Allee/Kaiserstraße. Der Obus mit Personenanhänger fährt gerade in die Moltkestraße. Von rechts kommt der Dieselkraftbus. Er wird in wenigen Jahren die Obus-Generation ersetzen. Er ist schlichtweg beweglicher.Fotos: Friedrich Bechtle

Heilbronn - Der Obus ist schlechthin der Exot unter den öffentlichen Verkehrsmitteln: Er fährt mit Strom, hat Doppelbereifung hinten und vorne, darf mit Anhänger fahren und wird in Spitzenzeiten vom Fahrer, vom Motorwagen-Schaffner und vom Anhänger-Schaffner begleitet. Und der Obus fährt nur neun Jahre durch die Straßen von Heilbronn. Die weitaus wirtschaftlicher rollenden Dieselkraftbusse beenden am 31. Dezember 1960 das Obus-Kapitel in der Käthchenstadt.

Entscheidung

Die ersten Nachkriegsjahre. Das 20 Kilometer lange Gleisnetz der Heilbronner Straßenbahn ist abgewirtschaftet. 1949 diskutiert der Gemeinderat unter Vorsitz von Oberbürgermeister Paul Meyle die Möglichkeit, die Straßenbahn durch Omnibusse oder Oberleitungsbusse zu ersetzen. Damals wie heute entscheidet das Geld: Die Omnibusse scheinen zu teuer zu sein, und die Neckar AG, die den Ausbau des Neckarkanals vorantreibt, verspricht aus Eigeninteresse einen 700 000 D-Mark-Zuschuss. Die Sanierung der Straßenbahn nach Böckingen hätte 1,5 Millionen D-Mark gekostet, die Einrichtung des Obus-Betriebs ist dagegen mit 1,1 Millionen D-Mark angesetzt.

Die kurze Episode der Obusse
Friedrich Göller ist einer der ersten Obus-Fahrer der Stadt.

Und so werden zunächst acht Obusse der Marke Henschel zum Stückpreis von rund 81 000 Mark angeschafft; heute kostet ein Bus 260 000 Euro. In den Bau von Oberleitungen investiert die Stadt 450 000 Mark. Das Umstellungsvorhaben stößt in der Bürgerschaft jedoch nicht überall auf Zustimmung. Vor allem viele Böckinger erinnern sich noch sehr gut an die glücklose Zeit der ehemals gleislosen Straßenbahn. Von 1911 bis 1916 fährt im damals noch selbstständigen Böckingen quasi der erste Obus.

Am 20. September ist es soweit: Die Verkehrsbetriebe nehmen den öffentlichen Verkehr mit sieben Obussen und drei Anhängern auf. Die Linie 20 befährt die Strecke Allee - Hauptbahnhof - Sonnenbrunnen - Böckingen, die Linie 21 fährt von der Allee über den Hauptbahnhof zum Sonnenbrunnen. Im Dezember 1951 steuert der Obus Sontheim an, ein Jahr später den Haselter.

Das Ende auf Raten für die Obus-Generation zeichnet sich am 8. Dezember 1954 ab. Der Gemeinderat beschließt, den noch verbliebenen Straßenbahnbetrieb auf Omnibusse umzustellen. Heilbronn wird größer. Immer mehr setzt sich der Dieselomnibus durch. "Er war im Vergleich zum Obus das modernere und wirtschaftlichere Verkehrsmittel", sagt heute Tilo Elser, Leiter der Verkehrsbetriebe.

Die kurze Episode der Obusse
Der Obus mit Anhänger im Bereich Fleinertor. In den 60er Jahren wurde der Personenanhänger verboten. Das Gebäude rechts ist das Modehaus Palm.

Ende

Jahr für Jahr zeigt sich, dass der Obus-Betrieb mit seiner nicht gerade als optimal zu bezeichnenden Linienführung nicht länger konkurrenzfähig ist und auch hohe Betriebskosten verursacht. Deshalb beschließt der Gemeinderat im Dezember 1960 die Einstellung des Obus-Verkehrs. Nach nur neun Jahren endet das Heilbronner Obus-Kapitel. "Es war eine kaufmännisch richtige Entscheidung, auch wenn die Busse und die gesamten Anlagen nicht abgeschrieben waren", bewertet Elser die Entscheidung in der Rückschau.

Bereits 1959 werden die drei MAN-Obusse nach Landshut verkauft. 1961 werden die verbliebenen Fahrzeuge im Neckarhafen eingeschifft. Zielort: Braga in Portugal. "Teilweise fast noch nagelneue Obusse wurden verkauft. Das ist Wahnsinn, aber die Stadt hat rechtzeitig die Reißleine gezogen", sagt Tilo Elser und blättert nachdenklich im Buch "Einmal Harmonie bitte" von Gottfried Bauer und in einem Ordner, in dem die Heilbronner Obus-Geschichte festgehalten ist.