"Die Textilarbeitsplätze sind sehr begehrt"

Region - Der Beitrag über die Arbeitsbedingungen in Bangladesch in der TV-Dokumentation im Ersten über das Neckarsulmer Unternehmen Lidl vergangene Woche hat viele Zuschauer schockiert. Unser Redakteur Manfred Stockburger hat bei Hans-Hermann Dube nachgefragt, der von Neu-Delhi aus als Regionaldirektor für Süd-Ost-Asien der bundeseigenen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die Verhältnisse vor Ort kennt.

"Die Textilarbeitsplätze sind sehr begehrt"

"In anderen Branchen sind die Löhne deutlich niedriger."

Region - Der Beitrag über die Arbeitsbedingungen in Bangladesch in der TV-Dokumentation im Ersten über das Neckarsulmer Unternehmen Lidl vergangene Woche hat viele Zuschauer schockiert. Unser Redakteur Manfred Stockburger hat bei Hans-Hermann Dube nachgefragt, der von Neu-Delhi aus als Regionaldirektor für Süd-Ost-Asien der bundeseigenen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die Verhältnisse vor Ort kennt.

Herr Dube, wie schätzt die GIZ die Lage in Bangladesch ein, was die Arbeitsbedingungen angeht?

Hans-Hermann Dube: In Bangladesch sind die Arbeitsbedingungen schon in einem Maße grenzwertig, wie es sonst nur in wenigen anderen Ländern dieser Welt der Fall ist. Die Hälfte der Bevölkerung ist arbeitslos oder komplett unterbeschäftigt. Das Überleben ist hart und brutal.

Wie kann man als Verbraucher in Deutschland Einfluss nehmen auf die Produktionsbedingungen?

Dube: Das ist ganz schwierig: Wenn man keine Ware von dort kauft, dann werden die Frauen alle arbeitslos. Jeder Kritiker braucht sich nur im Spiegel anzuschauen, dann findet er diverse Kleidungsstücke, die in Asien produziert sind. Ich persönlich schaue danach, ob eine Firma bereit ist, sich zu engagieren. Wenn nicht, dann kaufe ich da nichts.

Die Bilder aus der Textilfabrik gingen unter die Haut...

Dube: Man muss sehen, dass der Textilsektor einer der wenigen Bereiche in Bangladesch ist, in denen es organisierte Beschäftigung gibt und wo die Arbeiter ein gesichertes Einkommen haben. Deswegen sind die Arbeitsplätze in den Textilfabriken sehr begehrt.

Die Arbeiterin im Film verdient 30 Euro im Monat. Wie hoch ist dort der durchschnittliche Lohn?

Dube: Der gesetzliche Mindestlohn ist 30 Euro. 30 bis 90 Euro ist der normale Lohn inklusive Überstunden für eine Arbeiterin in einer Textilfabrik, sie steht damit aber deutlich besser da als die meisten anderen Menschen in dem Land. In anderen Branchen sind die Löhne vergleichbar oder deutlich niedriger, Mindestlöhne gibt es nur im Textilbereich. Dass es ihn gibt, liegt an dem Druck, den Unternehmen wie Lidl auf die Fabrikanten ausgeübt haben.

Ist Fair Trade der richtige Weg?

Dube: Fairer Handel ist super. Allerdings sind die Mengen sehr gering. Eine Firma wie Lidl hat wesentlich mehr Möglichkeiten, etwas zu verändern, wenn sie einen sozialen Anspruch hat.

Was kann Entwicklungshilfe angesichts solcher Bedingungen bewirken?

Dube: Wir haben in dem von Lidl finanzierten Projekt die Lebenssituation für 80 000 Textilarbeiter verändert. Das ist nur ein Teil der Zulieferbetriebe, sicher. Aber jeder Mensch, dem es besser geht als vorher, ist für mich mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

In dem Film wurde kritisiert, dass Ihre Ärztin vor allem Vitamintabletten ausgibt...

Dube: Wenn die Ärztin das Gefühl hat, dass bei Mangelernährung ein Vitaminpräparat helfen kann, dann kann das durchaus sinnvoll sein. Die Betreuung geht aber viel weiter. Patienten werden auch ins Krankenhaus geschickt und die Fabriken oder Lidl übernehmen dafür die Kosten. Im Übrigen hätten die Menschen sonst nie im Leben die Möglichkeit, einen guten Arzt zu sehen. Zudem lernen die Arbeiterinnen vom Gesundheitsdienst Grundlegendes über Hygiene, Geschlechtskrankheiten und sauberes Trinkwasser.

Welchen Ruf hat Lidl in Bangladesch nach Ihrer Kenntnis?

Dube: Die Frauen selbst wissen kaum, für wen sie nähen − zumal auf dasselbe T-Shirt am Ende oft je nach Kunde ein anderes Logo eingenäht wird. Bei den Fabrikbesitzern gibt es verschiedene Kategorien: Manche wollen von uns lernen, wenn wir Schulungen machen. Andere arbeiten für Lidl im Zweifelsfall nicht − weil das Unternehmen Forderungen stellt, die Situation der Beschäftigten zu verbessern. Das kostet schließlich Geld, und Lidl lastet die Fabriken ja nicht alleine aus. Viele andere, auch Markenartikler, lassen in denselben Fabriken nähen. Nur kostet das T-Shirt dann in Deutschland nicht fünf, sondern 70 Euro. Die Näherin bekommt aber keinen Cent mehr.

Gibt es von anderen Herstellern ähnliche Projekte?

Dube: Nur von wenigen. Die meisten Händler aus Deutschland kümmern sich aber nicht um die Lage der Arbeiterinnen. Die könnten auch etwas tun, machen es aber nicht. Lidl hingegen tut was.

Welche Ziele haben sich die GIZ und Lidl mit dem Projekt gesetzt?

Dube: Zunächst einmal geht es darum, dass sich die Betriebe an alle gesetzlichen örtlichen Standards halten: Bei den Arbeitszeiten ist das schwierig − auch weil die Bestellungen aus Europa oft kurzfristig geliefert werden müssen. Trotz einiger Fortschritte liegen die Arbeitszeiten oft über dem gesetzlichen Limit.

Und sonst?

Dube: Die sechs Fabriken, die wir derzeit für Lidl betreuen, verfügen über Kindergärten, in denen die Kinder qualifiziert betreut werden. Außerdem helfen wir dabei, dass die Frauen ein ordentliches Essen in der Werkskantine bekommen. Und selbstverständlich müssen sie jederzeit auf die Toilette gehen können. Und: Die Fluchtwege müssen sicher sein. Das wird oft belächelt, ist aber von großer Bedeutung! In einem solchen Nähsaal arbeiten vielleicht 2000 Frauen. Im Fall eines Feuers müssen sie das Gebäude schnell verlassen können. Gerade im Bereich der Sicherheit haben die Lidl-Initiativen sehr viel Positives bewirkt.

Wie stellen Sie sicher, dass die Projekte auch funktionieren?

Dube: Wir haben Teams mit nationalen und internationalen Mitarbeitern vor Ort, die oft und auch unangemeldet in die Fabriken kommen. Im Lidl-Projekt sind das sieben Mitarbeiter. Ich selbst bin alle drei Wochen in Bangladesch.