Der Burgherr mag’s barfuß

Möckmühl  Einst war sie ein Zuhause des berühmten Götz von Berlichingen, jetzt hat in der Burg Möckmühl abermals der Eigentümer gewechselt. Alexander Dragilev heißt der neue Burgherr.

Von Christian Gleichauf

Der Burgherr mag"s barfuß

Die drei Besucher aus den USA staunen nicht schlecht, als sie durch das Portal der Burg hoch oben über Möckmühl blicken. "Come in", werden sie von Alexander Dragilev eingeladen, einen Blick ins Innere der mittelalterlichen Gemäuer zu werfen. Der jungenhafte Mann in Jogginghose und T-Shirt, der hier barfuß unterwegs ist, sieht so gar nicht aus, wie man sich einen Burgherrn gemeinhin vorstellt. Auch mit dem Ritter mit der eisernen Hand, dem guten alten Götz, scheint er nur wenig gemein zu haben. Und doch gehört die Burg ihm. Denn Alexander Dragilev hat mit seinen 45 Jahren schon genug erlebt und auch genug verdient, um sich in Möckmühl zur Ruhe zu setzen und den Büchern und der asiatischen Spiritualität zu widmen. Und natürlich der deutschen Kultur. "Ich liebe Deutschland", sagt der aus Russland stammende Israeli.

Suche

Diese Liebe möchte er teilen. In der Burg finden Freunde aus aller Welt eine Unterkunft. Marina Kucherenko aus der Ukraine, Werner Weißenberger aus Heidelberg und Leonardo Quintero aus Venezuela helfen dem neuen Burgbesitzer derzeit dabei, Garten und Gebäude auf Vordermann zu bringen. Es sind Freunde, die wie Dragilev selbst auf der Suche sind.

Mit seinen Überzeugungen geht Dragilev dennoch zurückhaltend um. Statt dessen will er Offenheit beweisen. "Es gab ja wohl schon Gerüchte, dass ich hier ein Casino aufmachen möchte", erzählt er. Nein, nichts dergleichen. Auf der Burg solle nichts entstehen, was mit Geldmacherei zu tun hat. Denn Geld hat der Mann genug. Unter anderem besitzt er drei Gebäude aus dem 19. Jahrhundert in Moskau und eine zum Wohnhaus umgebaute Kirche in London. Ermöglicht hat ihm das seine Firma in Russland, von der er gerade die Hälfte verkauft hat. "Irgendwann muss man aufhören mit dem Geldmachen", sagt er. Jetzt widme er sich der Liebe, der Philosophie und der Schönheit. Daneben läuft er Marathon. Und natürlich muss er sich um die Burg kümmern.

Private Führung

Ganz selbstverständlich zeigt er den amerikanischen Urlaubern den Bergfried, den ältesten Teil der 1251 erstmals erwähnten Anlage. Über alte Eichenstufen geht es nach ganz oben, wo bald schon eine kleine Wohnung auf drei Stockwerken entstehen soll. Der Architekt John Malick aus San Francisco ist begeistert. Seine Ausrufe − "unbelievable", unglaublich − werden mit jeder Stufe lauter.

Offizielle Öffnungszeiten oder Führungen soll es in der Burg auch künftig nicht geben. Doch die Tore des in den vergangenen Jahren komplett verschlossenen Anwesens sind geöffnet, seitdem Alexander Dragilev eingezogen ist. Besucher sind willkommen. Er könne sich sogar vorstellen, dass das Laientheater der Jagsttalbühne wieder einmal im Burghof hier oben auftritt. "Warum nicht?" Bloß Fleisch sollte dabei nicht verzehrt werden. Das könnte der überzeugte Vegetarier nicht ertragen.

Perfektion

Der Weg nach Möckmühl führte über Umwege. Sein Interesse an Deutschland hatte ein Hindu-Heiliger vor vielen Jahren mit provokanten Thesen geweckt. Er las Bücher, besuchte das Land und war von Perfektionismus und Genauigkeit begeistert. "Und die Leute sind so tolerant, so freundlich."

Eine Weile suchte der Frührentner nach einem geeigneten Objekt. "Es sollte privat sein, ich wollte nichts, was zu Hotel oder Restaurant umgebaut worden ist." Dann fand er die Burg, die einst dem berüchtigten Götz von Berlichingen gehört hatte. Seit zwei Monaten gehört sie ihm. Einem Privatmann hat er sie abgekauft. Wie viel sie gekostet hat, möchte Dragilev aber nicht verraten. "Siebenstellig", sagt er nur.

Von den Menschen ist er auch in Möckmühl bisher nicht enttäuscht worden. "Als ich hier eingezogen bin, haben mir die Nachbarn sofort ihre Hilfe angeboten. Das hat es in London nie gegeben."

Zur Person: Alexander Dragilev

Der neue Burgherr hat sich vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit der Übersetzung von Schriften aus dem Sanskrit ins Russische beschäftigt. Anfang der 90er Jahre machte sich Alexander Dragilev (45) mit einem Verlag und mit dem Verkauf asiatischen Kunstgegenstände und Souvenirs selbstständig.

„Nach den Jahren der Isolation lechzte das Volk nach allem, was fremd war“, erklärt er den Erfolg der Firma. Der ermöglichte ihm bald, die Welt zu bereisen. Dragilev ist mittlerweile Hare-Krishna-Mönch. Er ist verheiratet und hat eine Tochter Alina (19) und einen Sohn Max (16), die nun beide studieren. Seine Frau Natascha kommt im Oktober zu Besuch und wird möglicherweise im nächsten Jahr mit einziehen. cgl