Denkmal mit Solardach: Tabu bröckelt

Gericht stellt restriktive Linie bei Photovoltaikanlagen in Frage

Von unserem Redakteur Alexander Hettich

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Photovoltaik in historischen Städten, hier Bad Wimpfens Silhouette, ist für manchen eine Horrorvision. Die Ablehnung wird schwieriger.Fotos: Gugau, Colourbox/Montage: HSt

Gericht Stellt - Wenn es darum ging, Photovoltaikanlagen auf historisch wertvollen Gebäuden zu installieren, legten die Denkmalbehörden meist ihr Veto ein. Das könnte in Zukunft zumindest schwieriger werden. Ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofs lässt Städte und Gemeinden in der Region aufhorchen. Experten fürchten zwar keinen Dammbruch. "Es ist aber schon möglich, dass der Denkmalschutz aufweichen könnte", erwartet etwa Andreas Eilhoff vom Stadtbauamt Bad Wimpfen.

Tragweite unklar Solarzellen auf Kirchen, Schlössern oder Fachwerkhäusern? Für viele ist das keine verlockende Vision. Bislang saßen Denkmalschützer am längeren Hebel und blockten solche Ansinnen in der Regel ab. "So restriktiv wie bisher wird es nicht mehr gehen", kommentiert Dietmar Ruf einen Spruch der Mannheimer Richter, der in vielen Rathäusern der Region aufmerksam registriert wird. "Die Diskussionen", so der Experte des Gemeindetags, "werden losgehen." Im konkreten Fall ging es um Sonnenstrom von einer denkmalgeschützten Pfarrscheuer im Alb-Donau-Kreis (siehe Hintergrund). Die Richter schrieben den Behörden ins Stammbuch, sie sollten bei solchen Abwägungen genauer hinsehen − ein Hinweis darauf, dass die Ablehnung von Solaranlagen bislang allzu routinemäßig erfolgte. Dem Denkmalschutz, heißt es in der Erläuterung, sei "auch bei erheblicher Beeinträchtigung nicht automatisch der Vorrang gegenüber den Belangen des Klimaschutzes einzuräumen". Im Klartext: Auch im schönsten Altstadt-Ensemble sind Solarzellen nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Zunächst handelt es sich freilich um einen recht komplexen Einzelfall. Wie groß die Tragweite sein wird, darüber ist man sich selbst in den Rathäusern nicht im Klaren. "Informationsbedarf" sieht Sönke Brenner, Sprecher in Eppingen. Die Große Kreisstadt hat die Befugnisse einer unteren Denkmalschutzbehörde. Angesichts der vielen markanten Fachwerkhäuser im Stadtbild will die Kraichgau-Kommune selbst Pflöcke einschlagen und nicht nur reagieren. "Wir arbeiten an einer Gestaltungssatzung für die Altstadt", kündigt Brenner an. Darin soll genau geregelt sein: Hier ist Photovoltaik möglich, dort nicht.

Eine solche Satzung gibt es in Bad Wimpfen längst. Alle Dächer, die vom Blauen Turm aus einsehbar sind, gelten als Solar-Tabuzone. Aber auch solche baurechtlichen Vorschriften sind mitunter Auslegungssache. Jedenfalls gibt es in der Wimpfener Altstadt bereits Hausbesitzer, die sich vorsorglich die Leitungen für eine Solaranlage haben legen lassen.

Landratsamt wie Stadt Heilbronn verweisen darauf, dass Streitfälle bislang äußerst selten waren. Vier Konflikte in fünf Jahren verzeichnete das Rathaus. "Das Urteil wird registriert", sagt Sprecher Christian Britzke, "aber auch in Zukunft wird man im Einzelfall prüfen müssen."

Spagat "Der Spagat zwischen Energiegewinnung und Denkmalschutz", weiß Fritz-Eberhard Griesinger, "ist immer heikel." Der Vorsitzende des Schwäbischen Heimatbundes vertraut darauf, dass die Behörden mit viel Fingerspitzengefühl an die Sache herangehen. Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft, hält Denkmalschutz grundsätzlich für wichtig. Allerdings habe die Solartechnik große Fortschritte auch im ästhetischen Bereich gemacht: "Es gibt viele Fälle, in denen architektonische Lösungen gefunden werden können, eine Photovoltaik-anlage gelungen in ein Denkmal einzupassen."