"Den reinen Heroinabhängigen gibt's nicht mehr"

Lodders blickt auf 30 Jahre Drogenfachklinik Friedrichshof zurück

"Den reinen Heroinabhängigen gibt's nicht mehr"
Joachim Lodders in der Schneiderei. Loana Schulz gehört nicht zu den Klienten, erhielt hier aber eine von der Arbeitsagentur geförderte Lehrstelle.Foto: Guido Sawatzki

Joachim - Früher waren es schwer erziehbare Mädchen, die auf dem Friedrichshof in Obersulm-Eichelberg untergebracht waren. Seit 30 Jahren sind es Abhängige von illegalen Drogen, die hier clean werden sollen. Sabine Friedrich sprach mit Diplom-Psychologe Joachim Lodders, der seit 1991 die Drogenfachklinik leitet.

Herr Lodders, wie viele Drogenabhängige sind in diesen drei Jahrzehnten behandelt worden?

Joachim Lodders: Schätzungsweise 3500. Darunter sind aber auch die Abbrecher aufgezählt.

Und wie viele haben es geschafft, clean zu bleiben?

Lodders: Man geht davon aus, dass nach fünf Jahren noch ungefähr 30 bis 40 Prozent clean leben. Bei 1000 regulären Entlassungen, haben demnach etwa 400 Klienten unsere Einrichtung erfolgreich verlassen. Das ist angesichts einer chronischen Erkrankung ein guter Wert.

Wie hat vor 30 Jahren die Therapie der Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen, ausgesehen?

Lodders: Es gibt heute noch große Berührungsängste. Dass Drogenabhängige ausgegrenzt und im Vergleich zu anderen schweren Erkrankungen wenig unterstützt werden, ist geblieben. Die Therapiekonzepte haben sich dramatisch gewandelt. Heute entfallen etwa 30 bis 40 Prozent der Arbeitszeit auf flankierende Maßnahmen wie Dokumentation. Die Therapie ist systematischer, strukturierter und fachlich fundierter. Am Anfang reichten vielfach Improvisation und Arbeit mit viel Herz.

Wie haben medizinischer und wissenschaftlicher Fortschritt die Ansätze verändert?

Lodders: Früher hat man die Gemeinschaft als einen wesentlichen therapeutischen Faktor gesehen. Heute ist die Beziehung Mitarbeiter - Klient bedeutender, weil die Behandlungsbedürfnisse und die Störungsbilder erheblich zugenommen haben. Den reinen Heroinabhängigen gibt es nicht mehr. Heute haben wir ein Muster mit vielen illegalen Drogen, gekoppelt mit Psychosen, Depressionen oder Borderline-Syndrom. Die Verkürzung der Therapie von 18 auf zehn Monate ist gegenüber den Handlungsbedürfnissen gegenläufig, sprich zu kurz. Zwar sind wir auch professioneller geworden in unserer Arbeit, aber das wiegt nicht alles auf.

Und wie sieht die Zukunft aus, denken Sie an Methadon oder kontrollierte Heroinabgabe, die in Heilbronn im Gespräch ist?

Lodders: Dies betrifft uns nicht mittelbar. Wir sind eine ausstiegsorientierte Therapieeinrichtung. Unser Ziel ist: Lebe lernen ohne Drogen. Beide Themen sind neue Behandlungsangebote, denen Rechnung getragen wird. Für einige Drogenabhängige werden sie eine Chance sein, ihr Leben für gewisse Zeit stabil zu halten. Manche werden verharren, einige wenige werden sagen: Ich steige aus.

Welche Rolle spielt Ihre Einrichtung im Konzept der Drogenhilfe in Stadt und Landkreis Heilbronn?

Lodders: Wir haben einen Platz, weil wir uns auch verantwortlich fühlen für Drogenabhängige vor Ort. Wir kooperieren mit all jenen, die mit unserer Zielgruppe arbeiten.

Gibt es in Obersulm-Affaltrach mit der Außenwohngruppe in der Adaption, die auf die stationäre Therapie folgt, Konflikte mit den Einwohnern?

Lodders: Nein, ganz im Gegenteil. Das läuft problemlos, und wenn es etwas zu regeln gibt, lässt sich das schnell glätten. Es hat sich bewährt, dass wir die Adaption in den Ort verlagert haben. Da ist der Bäcker um die Ecke, da ist die Stadtbahn. Da sind alle nötigen Strukturen, die eine Teilnahme am normalen Alltagsleben möglich machen oder erleichtern. Von hier oben, vom Waldrand aus, ist das schwierig.

Ist genügend Geld für die Kranken vorhanden?

Lodders: Wir haben schon über die Jahre Personal abgebaut und leben baulich von der ursprünglichen Substanz, weil wir zu wenig Geld für notwendige Renovierungen erhalten. So wie der Junkie im Lebensalltag in die Ecke gestellt wird, ergeht es oft auch der Therapieeinrichtung. Wenn man sieht, wie Herz- oder Alkoholkliniken ausgestattet sind, sind wir das Schlusslicht.